
Scully fluchte, als sich sein Handy, wie bereits seit 50 km befürchtet, noch in deutlicher Entfernung vor unserem Ziel entlud und die Wegbeschreibung von Google Maps, die uns zu dem Pferdehof führen sollte, mitsamt der unbekümmerten Stimme, die mir Anweisungen zum Fahren gab, in dem virtuellen Raum verschwand, in dem sich der Großteil von Scully Leben abspielte. Ich hatte mein Handy zuhause gelassen. In der Ablage unter dem Handschuhfach lag ein sauber aufgerolltes weißes Ladekabel, das Scully etwa bei Erfde erwartungsvoll hervorgezogen hatte, als er den geringen Ladestand seines mobile device, wie er es nannte, bemerkt hatte. Scully trug natürlich nie ein Ladekabel bei sich. Er war ein Großstadtmensch. Er vertraute darauf, dass alle Ressourcen, zumeist in Form von Mitmenschen, zu seiner unmittelbaren Verfügung standen. Dass mein USB-Connector nicht funktionierte, fand er dann ziemlich schnell selbst heraus.
Er arbeitete sich an all den Prozessschritten ab, die ein moderner technischer Laie in seinem Repertoire hat, wenn er einem technischen Problem begegnet. Er wackelte an dem Stecker, drehte ihn, zog ihn mehrmals aus dem Zigarettenanzünder und steckte ihn wieder hinein, einmal sanft, dann entschieden, manipulierte das Kabel vorsichtig in die eine und die andere Richtung, und blies in den Port seines Mobilphones. Ohne Erfolg. Schließlich gab er auf und stopfte das Kabel unaufgerollt zurück in die Ablage, was bei mir ein leichtes nervöses Zucken am rechten Augenlid verursachte, das ich aber relativ schnell unter Kontrolle hatte.
Scully merkte nichts, er konzentrierte sich nämlich auf die Wegbeschreibungen. Es waren sehr viele kleine Streckenabschnitte, die er langsam herunterscrollte. Dabei hielt er das Handy ganz still und betont wagerecht, auf die ihm so eigene, überraschend sanfte Art, die man fast fühlen konnte, wenn man seinen Hände beim Arbeiten ansah. Scully, seines Zeichens Anwalt, war eigentlich Künstler.
Jetzt versuchte er, sich die Wegbeschreibungen einzuprägen, während er zugleich so vorsichtig über den Screen strich, als könne er den Handyakku durch eine Balance von sanfter Konzentration und Wunschdenken dazu überreden, länger zu arbeiten. Der Mensch ist ein archaisches Wesen, das kein Problem damit hat, gegen besseres Wissen zu denken und zu handeln und auch zu hoffen. 50 km später gewann die nüchterne Technik.
Scully konnte ausführlich und eloquent fluchen, und das tat er erwartungsgemäß auch, als der Screen schwarz wurde. Ich trat kontrolliert auf das Gaspedal. Der Wagen beschleunigte ohne spürbaren Übergang. Wir befanden uns auf der gleichförmigen Ebene Nordfrieslands auf einer ziemlich kleinen Straße. Nach etwa 20 Sekunden besann sich Scully dann auf seine mentale Merkliste. Er sah suchend aus dem Fenster, und ich fuhr wieder langsamer. Ziemlich zuversichtlich sagte er dann, fahr mal rechts , da vorne, an den Bäumen, rechts, (Sackgasse), etwas überrascht: ok, ok, dann am nächsten Abbieger, da hinten (unbefestigter Wirtschaftsweg). Dann erst begriff er, dass er es im “Flow” der Ereignisse, wie er es nannte, versäumt hatte, sich den letzten Standort auf der Karte zu merken. Ich war eine gute Schülerin. Ohne Standort war der ganze restliche Sermon der auswendig gelernten Wegbeschreibung nutzlos. Die Schönheit von Google und GPS liegt in der Möglichkeit der Standortbestimmung. Die Schönheit des Reisens ohne GPS besteht im Verlorengehen.
Als Scully den USB Connector erneut in den Zigarettenanzünder steckte, und nochmals durch alle nutzlosen Manöver zu gehen drohte, welche er bereits zuvor ohne Erfolg versucht hatte, fuhr ich zur Seite, hielt den Wagen an und stieg aus. Ich schloß die Fahrertür sachte hinter mir und machte ein paar Schritte in den frühen Abend hinein, der mich lauwarm und feucht empfing. Am Horizont verdichtete sich violettblauer Dunst zu Regenwolken. Auf den Feldern standen Schafe in gefälligen Abständen zueinander. Zwischen den Wolken leuchtete der Abendhimmel in hellgelben Streifen. Dort war Westen, dort lagen die Deiche und das Watt. Es war nicht mehr weit. Ich lehnte mich an die Kühlerhaube und sah dem Himmel beim Malen zu. In meiner Tasche steckten zwei Din-A 4-Zettel mit ausgedruckten Wegbeschreibungen.
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