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Mehr Fragen auf Umwegen: Das Museum in der Invalidenstraße (aus dem Roman Nachtwachen)

http://nachtwachenroman.com/2013/07/19/das-museum-fur-naturkunde-in-der-invalidenstrase-1986/

Berlin, 13. März 1986

Lieber Großvater,

gestern bin ich mit der S-Bahn nach Ostberlin gefahren, um ins Naturkundemuseum in der Invalidenstraße zu gehen, wie Du vorgeschlagen hast. Ich musste beim Grenzübergang 25 D-Mark in Ostmark umtauschen, Zwangsumtausch. Danke für das Weihnachtsgeld, Großvater.

Germany - 1923 - 2000000 Marks - FrontGermany – 1923 – 2000000 Marks – Front (Photo credit: evilsoapbox)

Ich wünschte, Du hättest mir mehr aus Deiner Berliner Zeit erzählt! Verglichen zum Beispiel mit demSchloss Charlottenburg in seinem sorgfältig rekonstruierten Zustand, scheinen die Museumsinsel oder das Naturkundemuseum  trotz ihrer Größe und zentralen Lage beinahe vergessen, als würden sie hier nur noch geduldet, als sei es eine Frage der Zeit, bis man sich ihrer entledigen wolle. Fontanes Großbürgertum lässt sich, so finde ich,  hier in Ost-Berlin ironischerweise besser beschwören als im Westen, der eigentlich nur noch eine sorgfältig inszenierte Touristenkulisse des zwanzigsten Jahrhunderts zu sein scheint.

Das Naturkundemuseum hat sich gewiss nicht verändert, seit Du in den vierziger Jahren an Deinen freien Wochenenden dort ein- und ausgegangen bist, wahrscheinlich ist seither nicht einmal Staub gewischt worden. Du hast gemeint, das Museum lege Zeugnis ab von der hohen Zeit der Taxonomie in Deutschland Ende des vorigen Jahrhunderts, ein unerschöpfbarer Vorrat an Wissen sei hier gesammelt und dem Volk (Deine Worte) zur Belehrung zugänglich gemacht worden. Du warst empört, als ich erwiderte, ich fände keinen Gefallen an ausgestopften Tieren. Du meintest, es stünde mir nicht an, zu beurteilen, was ich nicht einmal gesehen habe und wolltest meinen Einwand nicht gelten lassen, dass man nicht unbedingt Augenzeuge sein müsse, um einen Sachverhalt zu beurteilen. Das sei nichts als juristische Wortverdreherei, hast Du gesagt, und daraus seien schon viele Missverständnisse entstanden. (Sprichst Du deshalb fast niemals über Deine Zeit in Berlin, Großvater? Oder Allenstein, heute Olsztyn? Oder Stuttgart?

Jedenfalls bin ich also jetzt dort gewesen, um mir selbst ein Bild zu machen. Du hast gesagt, das Naturkundemuseum sei ein Ort, der dem Verständnis des Lebens diene, ich empfand es eher als ein Ort, an dem der Tod präzise kultiviert wird. Taxonomie, Wissenschaft von der Bestimmung, Einordnung und Benennung der Lebewesen. Du zitiertest sogar die Bibel, die Du als Kulturquelle bezeichnest:  Indem Gott, der Herr, die Wesen benannte, rief er sie ins Leben, Namen waren sein Schöpfungsgesang. Als Du dieses Zitat anführtest, musste ich übrigens daran denken, wie auch Du abendlich durch Deinen Garten, Deine Schöpfung, gehst, und Deine Obstbäume, Gemüse, Blumen bei ihrem Namen rufst, “Ihr seid mein.”  Aber zurück zum Naturkundemuseum, und mit Deinen eigenen Worten: Der lautlose Gott wilhelminischer Wissenschaft, indem er bestimmt, einordnet und benennt, zitiert was ist, lebendig ist, in die staubige Stille des Todes in der Invalidenstraße.

Fruchtlose, furchtbare Gelehrsamkeit: Augen aus Glas in ausgebeulten Bälgern, die nur schwerlich vom Staub freizuhalten in den Jahren stumpf und brüchig geworden sind. Das Register des Lebendigen – ein Ort des Todes. Erfasst wird, was die Schlachtung überdauert: die butterbrotpapierne Hirnhaut des Meerkätzchens, der grün schimmernde Flügel eines gepfählten, chitinhaarigen Insekts, Froschhaut eingegossen in einen Teich aus längst vergilbtem Harz, ein Hermelin in blutwilder Königswürde, erstarrt in respektloser Offenbarung, die Flüchtigkeit einer Maus, klein und unbedeutsam in ihrem sezierten Mäusebau, ohne Ausweg in alle Ewigkeit, der Kadaver des mutierten Zooaffen, dessen Namen, Charlie, Du so zärtlich rekapituliertest. Alle in graugrünem Licht mit pedantischer Beschriftung. Mit beziehungslosen, dekorativen Grabbeigaben bedacht. Ein Museum der Monstrositäten.

Augen stieren, aber der Draht, mit dem sie in das Leder gebohrt sind, überträgt keine Impulse in sägemehl-verdichtete Leere. Das sorgfältig konservierte Wesen, das, lebendig, sich nicht darin erschöpft hatte, eine bestimmbare Masse von Herz, Niere und Hirn zu sein, Schnauze, Klauen, Fellzeichnung, denn da all diese Attribute ihm zugeordnet waren, musste es etwas gewesen sein, das außerhalb dieser organischen, des Besitzes fähigen Gegenständlichkeit existiert hatte, dieses Wesen, das möglicherweise mehr gewesen war als eine Funktion seiner zusammenwirkenden organischen Fähigkeiten, dieses Wesen ist jetzt fort. Was immer es gewesen sein mag, das es vermocht hatte, dem Lederbalg den blinden Zweck Leben und Kommunikation einzuhauchen, hat sich Konservierung und quantitativer Erfassung entzogen. Schöpfungsgesang, Großvater. Name und Musik.

Deshalb mutet der Versuch, die lebendige, natürliche Ordnung durch eine Ausstellung von Kadavern zu rekonstruieren, armselig an. Eine gescheiterte, lineare Klassifikation des Lebendigen. Treffend wiedergegeben in wilhelminischer Gelehrsamkeit indes findet sich die erworbene Unfähigkeit des Menschen, das Leben anders als durch seine Besitzverhältnisse wahrzunehmen. Die Zurschaustellung des Toten als etwas vorgeblich Lebendigen erzieht zu eben dieser Taubheit gegenüber der wesentlich komplexeren, reicheren Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen. “ Ich bin fast zu dem Satz gediehen: „Bildung ist ein Weltunglück.““ Fontane.

Hätte man all diese jämmerlichen Reste nicht unter dem rein physiognomischen Anschein des Lebens, sondern als Totes konserviert und ausgestellt! Dort hinge das Hermelin schlaff über den dürren Ästen. Hier rönne der Maus die blaue Zunge aus dem Mäulchen. Der verwucherte Gorilla läge mit ausgehöhlten Augen zusammengekrümmt auf grünem Kachelboden. Unter Glas krampfte das haarige Insekt zu einem schillernden Häufchen. Ist das Naturkundemuseum nicht eine Prophezeiung dessen, wessen sich der Mensch im kommenden zwanzigsten Jahrhundert an seiner Schöpfung fähig erweisen wird – und dem Menschen?

Marcel Proust in 1900Marcel Proust in 1900 (Photo credit: Wikipedia)

Die umgetauschten 25 DM habe ich übrigens beim besten Willen nicht ausgeben können. Unter anderem habe ich Bücher gekauft, eine kleine Ausgabe Anatol France, Das Rosenholzmöbel, Philipp Reclam jun. Leipzig, und habe in einem Musikgeschäft unter den LindenKlavierpartituren für meinen Nachbarn Robert Nass abgeholt. Im Austausch für diesen Botengang hat mein Nachbar Robert mir den ersten Band von Proust “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” in einer kleinen rot-marmorierten Ausgabe von Insel geliehen.  Irgendwie passend, finde Du nicht auch? Auch ich suche nach der verlorenen Zeit. Nur dass es nicht meine verlorene Zeit ist, sondern Deine.

Jetzt fängt das Semester bald wieder an, ich habe meine große Zivilrechtshausarbeit gestern gerade rechtzeitig abgegeben und werde die nächsten zwei Wochen im Institut arbeiten, um noch etwas Geld für das Semesterende zu verdienen. Im Sommer können sie mich glücklicherweise wieder als Lektorin für 40 Stunden in der Woche beschäftigen, damit dürfte das nächste Semester gesichert sein!

Deine Katja 

Die Banalität der Zeit als Gegenwart (aus dem Roman: Nachtwachen)

Die Banalität der Zeit als Gegenwart

Stamp Hannah Arendt
Stamp Hannah Arendt (Photo credit: Wikipedia)

Den Großvater zu verstehen heißt nicht zwangsläufig, eine ganze Generation zu verstehen, heißt nicht, Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus zu verstehen. Aber dennoch scheint es K unausweichlich, auch nach ihrem eigenen Großvater zu fragen. Seit der Lektüre von Hannah Ahrendts Buch “Die Banalität des Bösen”, das sie während ihrer Seminararbeit zum Fall Eichmann  studiert hatte, hatte sie die Idee verfolgt, gerade dem Banalen, der Alltäglichkeit  in der Biographie ihres Großvaters nachgehen zu wollen. Wobei sie nicht notwendigerweise nach der Alltäglichkeit des Bösen in der Biographie des Großvaters suchte, sondern eher nach der scheinbaren Bedeutungslosigkeit alltäglicher Entscheidungen oder dem kumulativen Effekt vieler scheinbar banaler Entscheidungen zu einem unveränderlichen, verheerenden Ganzen, eben nach der Banalität der Zeit, wenn sie als Gegenwart daher kommt, und vielleicht auch nach ihrer Gewichtigkeit, wenn sie vergangen ist. Nach der banalen Abfolge von als Anekdoten und Geschichten wiedererzählten Ereignissen, die angeblich die Entscheidung für die NSDAP vor 1933 als ein nahezu natürliches Ereignis erscheinen ließ. Weltwirtschaftskrise. Hunger. Hoffnung. Aufrüstung. Krieg. Erzählt in Ereignissen der einzelnen Tage, während derer sie sich zutrugen.

Sie suchte auch nach einer Erklärung danach, warum unter denselben Umständen einer zum Dieb wird und der andere ein ehrlicher Mensch bleibt. Warum Gottfried Benn und ihr Großvater den Nationalsozialisten vorauseilenden Gehorsam geleistet hatten und Klaus Mann die mörderischen Absichten der Partei hingegen von Beginn an verstanden und verabscheut hatte. Die Frage, die sich ihr letztlich stellte, war, ob ihr Großvater nicht doch in die NSDAP eingetreten war, eben weil er das Parteiprogramm und die Absichten der Nationalsozialisten sehr wohl verstanden hatte und sie mit zu tragen bereit gewesen war. Sie wollte verstehen, was den Großvater dazu bewogen hatte, bereits 1931 in die NSDAP einzutreten. Das 25 Punkte Programm der 1922 von Preußen und anderen deutschen Ländern auf Grundlage des Republikschutzgesetzes verbotenen NSDAP hatte als Programmpunkt die Entrechtung der Juden durch den Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft  schon enthalten.

K entsinnt sich des späten Bekenntnisses des Großvaters , “man habe den Juden Unrecht getan, auch wenn sie keine Deutschen waren. “Dem Wertheim, zum Beispiel,” hatte er anerkennend gesagt,  “das war ein ganz ausgezeichneter Geschäftsmann.”  Noch über vierzig Jahre später hatte er nicht sehen können oder wollen, dass die in Deutschland verfolgten Juden Deutsche gewesen waren. “Die Nationalsozialisten haben den Juden in Deutschland doch die deutsche Staatsbürgerschaft überhaupt erst entzogen.” hatte sie eingeworfen. “Das musst Du als Juristin doch einsehen, Katja,” hatte der Großvater erwidert, “Es war ja ein wirksames Gesetz, auch wenn es manchen nicht gefiel, aber Gesetz war es doch.”

K konnte dem Großvater höchstens zu Gute halten, dass er sich  nie mit der Floskel verteidigt hatte, “man habe von all dem doch gar nichts gewusst.” Vielmehr hatte er, allerdings auch unter Verwendung des neutralen Infinitivpronomens, gesagt: ” Man habe sich geirrt.” Als habe es sich um einen Rechtschreibfehler gehandelt. Ein Aktenversehen. Und eben: “Das kann Deine Generation gar nicht mehr verstehen, Katja.” Und dann hatte er das Thema gewechselt und wieder aus seiner Kindheit als Lehrersohn erzählt.

Erst jetzt, mit dem Abstand von zehn Jahren seit dem letzten Gespräch, mit dem Abstand des Todes, der zwischen ihnen liegt und der sich weitet wie ein Fluss, der über die Ufer tritt, und dessen anderes Ufer schwerer und schwerer erkennbar wird, erst jetzt, mit dem Abstand von einem Kontinent und einem Meer, kommt es ihr in den Sinn, dass in diesen Geschichten aus dem Dorf, den Geschichten von dem Jungen Nick Rieper vielleicht etwas von dem Alltäglichen der Zeit zu finden ist, das sie damals vergeblich aufzuspüren versucht hat.

Die Sprache der Welt

The location of Samoa
The location of Samoa (Photo credit: Wikipedia)

Rafiq unterhält sich mit dem UPS Boten, der in seiner braunen Uniform breitbeinig wippend vor dem Tresen steht und auf seinen Bagel wartet. Auch er hält einen Pappbecher mit Kaffee in der Hand. Trotz der Kälte trägt er ein kurzärmeliges Hemd und Shorts. Wie immer fühlt K sich beim Anblick der UPS Uniform an die Uniformen der Hitler Jugend erinnert, selbst hier, in einem palästinensischen Coffee Shop in der Upper West Side New Yorks. Unwillig über sich selbst wendet sie ihren Kopf ab und studiert statt dessen den Umschlag, der neben ihrem Teller liegt. Auf dem Papier haben sich Fettflecken gebildet. Die Konstellation und Form der Flecken weisen eine verblüffende Ähnlichkeit mit einer geographischen Karte von Samoa mit den Inseln Upolu, Savai!i, Apolima und Manono auf. Eine neues Cluster von Assoziationen folgt dem visuellen Impuls, der für sich bereits eine Assoziation ist. Es endet auf dem Misston “Deutsch-Samoa”. Sie schließt die Augen.

Das klingende Scheppern von Münzen auf dem Counter, das Öffnen und Schließen der Registrierkasse, das Ticken und Dampfen der Kaffeemaschine, Rafiqs Stimme, ein Messer, das zu Boden fällt, das Knistern des beschichteten Papiers, in das Samir, Rafiqs Bruder, ein Sandwich wickelt. Wie wäre es, wenn alles, was sie erlebte, eine Abfolge von Worten in einem Buch wäre? Und wenn diese Worte gleichzeitig in zwei Sprachen gelesen und verstanden werden könnten, aber in jeder dieser Sprachen vollkommen verschiedene Geschichten erzählten? Und eine Sprache wäre die Sprache der Welt, von der ihr Großvater ihr als Kind berichtet hatte.

K öffnet die Augen wieder und schlägt ein frisches Blatt in ihrem Skizzenbuch auf. Für einen Augenblick noch hört sie auf all jene Geräusche, die zusammen das Lied eines Morgens in einem Coffee Shop orchestrieren.

Dann beginnt sie zu schreiben. Sie sucht nach Worten, nach Wortklängen. Sie schreibt eine Liste von Worten, die in verschiedenen Sprachen vollkommen unterschiedliche Bedeutung  annehmen. Die Sprache der Welt.

IL. EEL. 1. Franz. m. Personalpronomen 2. Engl. Substantiv Fischart SPRING. SPRING! 1. Deutsch, Verb, Imperativ, zum Sprung auffordern 2. Engl. Substantiv, Jahreszeit

DIE. DIE! 1. Deutsch best. fem. Artikel 2. Engl. Verb, Imperativ, Aufforderung zum Sterben
HELL. HELL. 1. Deutsch Adjektiv, Anwesenheit von Licht 2. Englisch, Substantiv, Inferno

ESSE. ESSE. 1. Latein Verb, Infinitiv, sein, sich befinden 2. Deutsch, Verb, Imperativ, zur Nahrungsaufnahme auffordern
PETIT.PETIT 1. Latein, Verb, erstreb

„Rutkas Tagebuch“

„Rutkas Tagebuch“.

All jenen, die meinen, man habe nicht wissen können, dass die jüdischen Nachbarn, die abgeholt wurden, ganze Familien, die in der Nacht auf Ladeflächen von Lastwagen fortgebracht wurden, mit dem Ziel ihrer Ermordung fortgebracht wurden, denen sei die Lektüre dieses Tagebuches eines vierzehnjährigen polnischen Mädchens, Rutka Laskier, empfohlen, ermordet 1943 in Auschwitz. Rutka Laskier führte ein Tagebuch, das erst 60 Jahre später bekannt wurde, ein Zeugnis der Zeit, aus dem unmissverständlich hervorgeht, dass dieses Mädchen, 14 Jahre alt, sehr genau wusste, welches Leid und Elend ihr zugedacht waren. Ich reblogge diesen Artikel aus dem exzellenten blog “Wortspiele” in Anknüpfung an die Diskussion darüber, mit welchen Zeitdokumenten der Holocaust an den Schulen unterrichtet werden sollte. Die vorgestellte Ausgabe enthält ein Nachwort von Miriam Pressler.

“a rose is a rose is a rose” oder: die Krankheit der Phantasie (aus den Nachtwachen)

Accession Number: 1979:4010:0001 Maker: Alvin ...
Accession Number: 1979:4010:0001 Maker: Alvin Langdon Coburn (1882-1966) Title: Gertrude Stein Date: 1913 Medium: negative, gelatin on nitrocellulose roll film Dimensions: George Eastman House Collection (Photo credit: Wikipedia)

http://nachtwachenroman.com/2013/08/27/upolu/

Und dennoch sehnt ihr nüchterner Verstand sich nach einer exotischen Diät, ihr Verstand, der alles ablehnt, was sich nicht rational begründen lässt, und der sich ihr selbst zum Trotz dennoch an allem freut, was Spiegelbild und Spiegelspiel ist, als habe er ein zweites Gesicht, eine geheime Leidenschaft. K weiß, dass der Großvater, entgegen seinem ostentativen Bekenntnis zu einem rein rationalen Weltbild, an derselben Krankheit gelitten hatte, die er bei ihr, K, immer wieder mit Sorge diagnostizierte: der Phantasie. Und er hatte, genau wie K, es verstanden, die Symptome dieser Krankheit durch ausgefallene Leidenschaften zu verschleiern: Das Königsberger Brücken Problem. Topologische Räume und ihre Objekte. Hilberts Hotel. Verschrieben hatte er ihr dieselbe Medizin, die er selbst einnahm. Strenge Regeln. Unaufhörliche Wachsamkeit. Unerbittliche Ordnung.

Ihr Verstand, der sie zugleich zwingt (und mit dem sie unbarmherzig von anderen verlangt), zu unterscheiden zwischen dem, was sicher und belegbar ist und dem, was als Spekulation bezeichnet werden muss, ihr Verstand, der diese Unterscheidung fordert und verteidigt, der weite Auslegungen zulässt, aber nur wenn die Grundmenge der Gemeinsamkeiten erhalten bleibt, beschäftigt sich quasi privat umso zwanghafter mit den rein spekulativen Spuren der geheimen Schrift. Der Schrift, die in die Welt geschrieben ist. Der Schrift der alltäglichen Dinge, die nur mit geteiltem Blick entziffert werden kann. Alles ist, was es ist, buchstabiert sich selbst in bildhafter Schrift und buchstabiert zugleich auch den Text, der hinter der Welt liegt. Eine Rose ist ein Rose ist keine Rose. Ein Fettfleck ist ein Fettfleck ist die Insel Upolu.

Staatsschutzstrafrecht (aus dem Roman “Nachtwachen”)

English: Defense counsel Robert Servatius (for...
English: Defense counsel Robert Servatius (foreground) and chief prosecutor Gideon Hausner (standing) during the Eichmann Trial in Jerusalem. (Photo credit: Wikipedia)

An der Universität hatte K an einem Seminar zum Staatsschutzstrafrecht teilgenommen und den Großvater in ausführlichen Briefen über den Fortgang der Veranstaltung auf dem Laufenden gehalten. In dem Seminar erhitzte Debatten darüber, ob es denkbar sei, dass einer ganzen Generation von Menschen unter Umständen gehandelt hatte, die es ihnen unmöglich gemacht haben sollte, das Unrecht der eigenen Taten zu erkennen oder auch nur zu begreifen, dass sich der Staat, in dem sie lebten, und der Führer, dem sie auf Veranstaltungen bejubelten, einen Völkermord vorbereiteten, diesen gnadenlos ausführten und rechtfertigten. Katja hatte eingeworfen, dass bereits die Fragestellung an sich  fragwürdig sei. Schließlich hatten jene,  die verfolgt und ermordet worden waren, zu jener Generation von Deutschen gehört, der angeblich über Nacht das Unrechtsbewusstsein abhanden gekommen war.  Als sei das Wissen der Verfolgten nicht identisch mit dem Wissen der Verfolger. Als habe es sich um zwei unterschiedliche Generationen gehandelt.

Bei einem Besucht hatte Katja hatte dem Großvater die am häufigsten vorgebrachten Argumente vorgetragen. Es gab jene, die sagten, dass der einzelne seine eigenen Vorstellungen von Recht und Unrecht immer nur an den  bestehenden staatlichen Vorstellungen und Gesetzen bilden kann. Man könne es schließlich nicht jedem einzelnen zumuten, ständig die Gesetze in Frage zu stellen. Jemand hatte dagegen den Literaten Klaus Mann und sein scharfes Urteil über Gottfried Benn und die Nationalsozialisten ins Feld als Beispiel in die Diskussion eingeworfen. Klaus Mann habe Benn vorgeworfen, sich denjenen angebiedert zu haben, “deren Niveaulosigkeit absolut beispiellos in der europäischen Geschichte ist und vor deren moralischer Unreinheit sich die Welt in Abscheu abwendet.” Es sei, mit anderen Worten, offenbar möglich gewesen, sich ein unabhängiges Urteil über die Nationalsozialisten zu bilden. Andere hatten auch auf Dietrich Bonhoeffer und Sophie Scholl hingewiesen. Auf von Stauffenberg,

Der Großvater hatte ihr tatsächlich zugehört. Schließlich hatte er gesagt: “Das ist doch alles so lange her, Katja. Man muss ja auch mal vergessen können. Ich weiß nicht, warum sie Euch immer wieder dazu anhalten, die Vergangenheit aufzurühren. Das macht doch niemanden wieder lebendig. Aber so viel will ich Dir sagen. Ich stimme mit Deinem Professor überein. Hitler hat sich geirrt, das wissen wir jetzt. Was den Umgang mit den Juden anging. Es war unmenschlich und auch grausam, das war es. Auch wenn es sich nicht um Deutsche handelte. Es waren ja Kinder und Frauen dabei. ” Als Katja gefragt hatte, ob die Männer in den Konzentrationslagern weniger grausam zu Tode gekommen seien, war der Großvater abrupt aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen. “Das brauche ich mir von Dir nicht anzuhören, Katja,” hatte er konstatiert. “Du bist doch nur ein junges Mädchen, davon verstehst Du doch gar nichts, das ist nicht Frauensache, über die Soldaten und Männer zu urteilen, die ihre Pflicht getan haben. Auch nicht, wenn Du jetzt Juristin wirst. Wir hatten schon die Nürnberger Prozesse. Und jetzt wollen wir endlich ein wenig Rechtsfrieden, das kannst Du auch mal nachlesen, was das heißt.” Ende der Diskussion.

Bis ans Ende seines Lebens war er der unerschütterlichen Überzeugung geblieben, dass „die Juden eben anders“ seien. Das liest sie auch mit dem Abstand der Jahre wieder einmal aus seinem Brief. Sie erinnert sich auch an andere Bemerkungen, mit denen er sie zu überzeugen suchte, dass er keine Vorurteile gegen Juden habe, dass er nichts “gegen Juden habe”: „Sie sind nun mal sehr viel intelligenter als wir, Katja, sie sind uns weit voraus. Sie sind halt ein altes Volk. Das darf man doch wohl  so sagen. So ist es nun einmal. Man kann es ja sogar in der Bibel lesen.”  Als Katja ihm vorgehalten habe, auch in dieser Äußerung zeige sich Rassimus (sie hatte feige gesagt: “in Äußerungen wie dieser”, nicht: “in Deiner Äußerung”), hatte er sie verzweifelt angeschrien: “Was willst Du denn eigentlich von mir, Katja? Was soll ich denn noch sagen?” Es war kein Verstehen zwischen zweien, die nicht einmal wussten, worüber sie eigentlich sprachen und zu welchem Ende und warum.

Als Hitler die Macht ergriff, war der Großvater 27 Jahre alt gewesen. Ist es möglich, hatte sich Katja gefragt, dass man als erwachsener Mann oder als erwachsene Frau so bereitwillig eine Ideologie verinnerlicht, dass sie einem zum zweiten Wesen wird? Dass man sie niemals mehr abstreifen kann? Oder war Deutschland nicht schon vor Hitler, vielleicht schon seit 1918, vielleicht schon vor 1914 bereit gewesen, sich in einen neuen Krieg zu stürzen, in einen Krieg von ganz neuen, ungeahnten Ausmaßen? Das industrielle Zeitalter wartete darauf, seine Waffen zu erproben.

Wie weit zurück reichte der Rassismus des Großvaters,  wo waren seine Wurzeln, überlegt K. K muss in seinen Briefen erkennen, dass der Großvater bis ins hohe Alter versucht hatte, seine eigene Biografie mit dem Urteil der nachfolgenden Zeit, der Zeit seiner Kinder und Enkel, auszusöhnen, und dass er entgegen seiner eigenen Bemühung dennoch nicht in der Lage gewesen zu sein schien, zu beurteilen, worin das eigentliche Unrecht des Schreckensregimes, dem er gefolgt war, bestanden hatte, und welches seine Voraussetzungen gewesen waren. In dieser Hinsicht war ihr der Fall Eichmann, der Gegenstand ihrer Seminararbeit gewesen war, erschreckend vertraut vorgekommen.Sie glaubt nicht, dass der Großvater, den sie bei anderen Themen als gebildeten, artikulierten und selbstbewussten Mann erlebt hatte, mit der Machtergreifung Hitlers unreflektiert eine vorherige Identität abgelegt hatte, um sodann zu einem glühenden Anhänger Hitlers zu werden wie es auch gleichzeitig viele andere taten. Sie glaubt, dass die Ideologie Hitlers auf eine abwartende Haltung getroffen war, in der bereits die unbedingte Bereitschaft gelegen hatte, mit bitterer Konsequenz einen neuen Krieg zu führen. Sie glaubt, dass Hitler nur noch schlafende Hunde geweckt hatte.

childhood

IMG_3109When did we forget to spin the dream, when did our world cease to hold small promises of meaning and adventure, a life time of stories still to be told? How did we grow up to forget the sensual richness of the world, the intense pleasure we can find only in simple things and moments? When did we cease to live today in order to reach for a tomorrow that we never truly know will exist – and if it does, it comes only to be given up and traded in for yet another tomorrow until there is no tomorrow left? When did we start squandering our present moments for squalid projections of who we could be if only? When did we tire of that what we have , right here and right now, the word, the discovery of nothing and everything, the breath of boredom and adventure alike?

Anne Franks Tagebuch im Schulunterricht

Signature of Anne Frank
Signature of Anne Frank (Photo credit: Wikipedia)

Mein Beitrag zu einer blog-Diskussion über die Lektüre des Tagebuches der Anne Frank im Schulunterricht:

Wer das Tagebuch von Anne Frank ausschließlich als verstörendes Beispiel für die Geschichte eines Opfers der Nationalsozialisten ansieht und es deshalb als unzumutbare Lektüre für Kinder  im Schulunterricht ansieht, hat es wahrscheinlich nicht gelesen. Ja, das Buch kann sehr traurig machen. Aber die Lektüre verstört nicht. Sie verleiht einer dunklen Zeit ein menschliches Gesicht.

Es ist richtig, Anne Frank wurde von dem Nationalsozialisten verfolgt und ermordet. Kinder lesen die Aufzeichnungen Annes in dem Wissen, dass die Autorin niemals erwachsen werden durfte, dass Anne Frank in einer Zeit lebte, in welcher in Deutschland und den Ländern, die Deutschland besetzt hielt,  selbst Kinder verfolgt und getötet wurden. Dennoch haben drei Generationen von jungen Menschen dieses Buch quasi als Gegengift zu der Verzweiflung gelesen, die mit dem Bewusstsein einhergehen kann, was Menschen einander antun können. Dies gilt insbesondere für Kinder in Deutschland, die begreifen, dass dies die Geschichte ihres eigenen Landes ist.

Anne starb in Bergen-Belsen an Typhus. Die Verhältnisse, unter denen sie eingesperrt und untergebracht worden war, machen ihren Tod zum Mord. In Annes Tagebuch lesen wir dennoch nicht von Hass und Vergeltungssucht, obwohl die Aufzeichnungen in dem klarem Verständnis der Gefahr geschrieben wurde, in dem die Autorin und ihre Familie in ihrem Versteck in Amsterdam leben mussten. 

Wir werden vielmehr Zeuge, dass ein sehr junger, sehr begabter Mensch sich auch in der dunkelsten Zeit deutscher und europäischer Geschichte die Liebe zum Leben und ihre Wünsche für ihre eigene Zukunft zu bewahren verstand. Wir lesen, dass ein junges Mädchen sich trotz höchster Not von einem Fleck Sternen besätem Nachthimmels, erspäht aus der Enge ihres Verstecks, verzaubern lassen konnte. Wir lesen von Lebensmut und Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit. Und das ist der Grund, warum dieses Tagebuch nach all diesen Jahren immer noch und immer wieder gelesen wird – und warum es eine geeignete Schullektüre ist.

Das Tagebuch der Anne Frank spricht davon, wer Menschen sein können, gerade auch junge Menschen. Es spricht davon, dass ein Mensch in den dunkelsten Tagen Liebe und der Hoffnung empfinden und sie auch an andere weiter geben kann. Wer an den Menschen verzweifelt, wer an der deutschen Geschichte verzweifelt, wende sich an dieses Buch. Es zeigt in klarer Sprache, dass wir die Wahl haben, zu sein, wer wir sein wollen.

Anne Frank, Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl, Victor Klemperer haben sie sich ihre menschliche Stimme, ihre Gefühle und Würde auch in der Verfolgung nicht nehmen lassen. Auch dies lässt sich aus der Geschichte Deutschlands lernen – auch dies ist Teil unserer Geschichte.

Dass einzelne Menschen, unter ihnen sehr junge Menschen wie Anne Frank und Sophie Scholl, nicht mit Hass sondern mit fragendem Verwundern auf diejenigen reagierten, die sie verfolgten, darf uns mit dem, was Menschen vermögen, versöhnen, auch wenn es uns auferlegt, dass wir uns mit diesem Teil unserer Geschichte niemals aussöhnen dürfen. Es war Finsternis in jener Zeit – aber es gab auch Licht.  Dass uns gerade von denen, die verfolgt wurden, Stimmen der Menschlichkeit überliefert sind,  zeigt uns und unseren Kindern einen Weg aus der Verzweiflung über unsere eigene Geschichte.

Unseren Kindern im Schulunterricht oder zu Hause das Tagebuch der Anne Frank zu geben, und es ihrer Stimme zu überlassen, zu beschreiben, wer wir als Menschen sind und wer wir sein können, ist für mich vor allem anderen nicht nur eine Geste der Bewunderung für den unfassbaren Mut, der in Anne Franks Worten klingt, einen Mut, den ich auch meinen eigenen Kindern und Schülerinnen und Schülern wünsche,  mögen sie niemals solche Zeiten erleben, sondern auch eine späte Erfüllung von Annes Wunsch, eine ihrer Begabung entsprechende Schriftstellerin zu werden und nachfolgende Generationen zu berühren und zu beeinflussen.

Ich glaube, dass es nach der Lektüre von Anne Franks Tagebuch möglich ist, sich in Angesicht von Anne unerschütterlichem Lebensmut unserer Geschichte, der deutschen Geschichte, anzunehmen, auch dort, wo sie unerträglich ist, sie nicht zu verleugnen, sie weiter zum Gegenstand unserer Betrachtung zu machen. Sie nicht zu vergessen, die Menschen, die unter den Nationalsozialisten verfolgt wurden, nicht zu vergessen. Nicht zu wünschen, dass dieser Teil unserer Geschichte vergessen werde,  nicht zuletzt auch, weil das hieße, das diese Menschen in Vergessenheit gerieten. Ich möchte glauben, dass dies möglich ist.

Mehr Mut als der, zu unserer Geschichte zu stehen, aus ihr zu lernen, ist von uns, den nachfolgenden Generation, derzeit nicht verlangt. Mut, in unserer Zeit zu wirken, zum Beispiel Verfolgte anderer Regime aufzunehmen, und ihnen eine Möglichkeit zum Neuanfang zu bieten. Sie nicht zurück zu schicken in das Elend, dem sie zu entkommen versuchen.

Das ist sehr wenig im Vergleich zu dem Mut, den ein Mädchen in Todesgefahr aufbrachte, um ihr Leben in einem Versteck in einem Hinterhaus weiter zu leben. Etwas von Annes Mut und Liebe und ihrem unerschütterlichem Glauben daran, dass das Leben ein Geschenk ist, sollte es uns erlauben, die ganze Geschichte Deutschlands, unsere Geschichte, gegenwärtig zu halten, sie auszuhalten und weiterzugeben – und zwar zusammen mit der Hoffnung, dass wir immer die Wahl haben, zu sein, wer wir sein wollen.

Anne Frank, Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer – sie waren nicht nur Licht in ihrer eigenen, sondern ein Vermächtnis auch an unsere Zeit.

Annes Tagebuch ist ein Geschenk, keine Bürde. Es gehört in den Schulunterricht. Es gehört zum kulturellen Erbe unserer Kinder.

Survival In Auschwitz

when we talk about the art trove found at Gurlitt’s house, we also talk about these men, we also talk about the crime against humanity and to this day we, descendants of perpetrators, are committed and bound to the memory of the people who perished during the Holocaust, who were tortured and murdered in the concentration camps that our grandfathers built. we talk about these men and women and children as we talk about art works and the so called action “degenerate art” and about millions of dollars and legal and moral responsibilities.

“Degenerate” Art – the scale of removal of art works from German Museums in 1937

To give an idea of the scale of the removal of designated “degenerate” art from german Museums and Institutions in 1937 Nazi Germany I’d like to refer to the MoMa web-site. It is interesting to know that the below mentioned auction of 125 works that were put up for auction in Lucerne in 1939 did not turn out nearly as profitable as Nazi Germany had hoped for as word had gotten about that profits would most likely fuel the German war machinery.

http://www.moma.org/collection/theme.php?theme_id=10077

“By August 1937 the wide-scale confiscation of all works of art in museums designated ‘degenerate’ had already begun. According to records, a total of 15,997 works of fine art were confiscated from 101 German museums. This action was justified by the Law on the Confiscation of Products of Degenerate Art, passed belatedly on 31 May 1938. Works affected were those of classical modernity, works by artists of Jewish descent and works of social criticism. Only a few were retained and hidden through the brave manoeuvring of individual members of museum staff. The artists themselves, assuming they had not already left Germany, were forbidden to paint or exhibit. In addition to confiscation, destruction took place of murals and architectural monuments, among others. In May 1938 Goebbels instigated the establishment of the Kommission zur Verwertung der Beschlagnahmten Werke Entarteter Kunst. Confiscated works were stored in depots and from there sold to interested parties abroad (the Nazis hoped for a source of revenue for foreign currency, which was needed for the rearmament programme), and sometimes exchanged (Hermann Goering made exchanges with older works of art for his private collection). In 1939, 125 works were put up for auction in Lucerne, including works by van Gogh, Gauguin, Franz Marc, Macke, Klee, Kokoschka and Lehmbruck. The end of the Aktion entartete Kunst was signalled by the burning of 4829 art works in the courtyard of the Berlin Fire Brigade.

Anita Kühnel
From Grove Art Online

© 2009 Oxford University Press