Lauftagebuch November
Die Schönheit des Knochens. Novembertage. Die Bäume sind jetzt fast laublos, nur vereinzelt hängen dunkelgraue Blätter wie Fledermäuse in den Zweigen. Der Himmel ist wie Papier, ausgelegt auf einer leuchtenden Fläche und bemalt mit kalligraphischen Zeichen. Eine Sinfonie des Wachsens in klarer Abstraktion, jeder Ast, jede Verzweigung in Harmonie mit dem Ganzen spricht über sich selbst, spricht über die Notwendigkeit der Richtung, des Soseins, jedes Zeichen rezitiert die Geschichte seines Wachsens, versichert sich der Gegenwart, und ist zugleich ein Zeichen von Transienz, des fortwährenden Strebens in das Nächste. Die Mathematiker beschreiben das, was ich in diesem Augenblick im Laufen flüchtig aber klar wahrnehme, unter dem Namen der Markow-Kette so: Gegeben die Information über die Entwicklung des Prozesses bis zur Zeit t hängt die zukünftige Entwicklung nur vom Zustand zur Zeit t ab und nicht von der Vergangenheit.
Das sehe ich, während ich laufe, flüchtig, aber klar, denn die Bäume schreiben es im Herbst mit zweidimensionalen Schriftzeichen in die Lumineszenz des Himmels. Sie schreiben: Es fließt Zukunft wie stetes Wasser aus dieser Gegenwart. Wie ich weiter wachsen werde, aus mir selbst heraus wachsen, die Information, die in mir wirkt entfaltend, bis ich den Himmel bestimmungsgemäß zerschnitten und so geteilt habe, dass eine Sinfonie aus Schrift über mein Wachsen offenbar werde, ist von meinem Zustand zu dieser Zeit abhängig, nicht von dem was war. Mein Zustand in dieser Zeit umfasst die Zukunft, mein Streben und mein Entfalten, es umfasst nicht meine Vergangenheit. Also sprechen die Bäume im Schlaf. Und mit jedem Schritt, mit meiner eigenen Bewegung, welche ebenfalls der Vermessung der von Zeit gewidmet ist, ist meine Zukunft wie jene der Bäume, nur von meinem Willen in diesem Augenblick abhängig, sehe ich niemals zurück.
Während ich in die Allee unter den großen Kastanien hineinlaufe, lese ich das Alphabet der Zweige, aber ich erkenne den Baum auch wie ein Lebewesen das andere erkennt, spüre seinen verminderten Atem mit meinem Puls, das Innehalten des hölzernen, fließenden Organismus, der, verharrend, heute bewegt nur von dem leichten Wind in den hohen Zweigen, tief in sich doch bereits das nächste Frühjahr in sich trägt.
In den Zeichen, welche die nackten Zweige in den lichtgrauen Himmel schreiben, lese ich klarer als in der Fülle des Sommers, dass Leben Intelligenz voraussetzt, ich verstehe, dass der Schlaf der Bäume selbst die Idee von Zeit voraussetzt und sie verkörpert.
In meiner eigenen Bewegung lege ich das Bild von gestern, von vorgestern, auch des letzten Sommers, des letzten Frühjahres, des vorherigen Winters usw. über das Bild des heutigen Baumes und verschiebe meine Gedanken zwischen den Lagen der Erinnerung. Auch hier ereignet sich Transienz, und die Abgrenzungen werden unscharf und die Zeit löst sich auf. Nach tausendfacher Wiederholung der Strecke leuchtet der Pfad unter den Füßen und löst die Zeit sich auf. An keinem Ort bin ich zuhause, aber ich bin es in dieser Bewegung.
Meine Fußsohlen spüren Steine und Unebenheiten durch die dünne Sohle der Barfußschuhe, die ich im Herbst trage, auch die Kälte des Asphalts. Ich lasse die Straße hinter mir und laufe durch die Allee des Wirtschaftweges an den Knicks vorbei und schließlich in den Wald. Im diesem November sind die Waldwege noch weich, der Morgenfrost ist noch nicht in den Boden eingedrungen, sondern hat nur die Ränder der Blätter und der feinen Äste, die auf den Weg hinuntergeregnet sind, mit weißen Kristallen verziert. Noch raschelt das Laub unter meinen Füßen. Meine Bronchien brennen, mein warmer Atem steht in der Luft. Krähen kreisen über den Bäumen in der Zwischenwelt. Ich laufe, sie fliegen.
