Himmel über Berlin, Exzerpt

 

Ich sah aus dem Fenster in den samtblauen, leuchtenden Nachhimmel hinter den gedämpften Partylichtern, die sich in der Scheibe spiegelten. Unsere Gestalten reflektierten sich in der Glasscheibe wie transparente Schatten von morgen. Wir waren schon heute unsere eigene Vergangenheit. Wann würde der Regen kommen? Machte es überhaupt einen Unterschied, ob eine nukleare Staubwolke in 10.000 Metern Höhe über uns hinwegzog, oder der atomare Staub hinabgewaschen werden würde? Und so lange es nicht regnete, machte es einen Unterschied, ob man sich in einem Gebäude oder draußen aufhielt? In der Scheibe redete ein anderer Gregor stumm auf einen anderen Statisten ein, eine andere Melanie tanzte in einem roten Pullover, obwohl dort, in dem parallelen Universum, keine Musik spielte, und die schemenhafte Gestalt, die ich selbst sein musste, mit dem hoch gebundenen Pferdeschwanz, immer noch in meiner Jacke, mit einem Glas Cola in der Hand, zwinkerte mir aus der Parallelwelt zu, als sei sie in ein anderes Buch aus Borges Bibliothek geschrieben, und der Himmel über Berlin in ihrer Stadt roch bereits nach Staub und Sommerregen. Und das war kein Anlass zum Fürchten. In ihrer Welt.

Der Himmel über Berlin

 

Ich kam etwa zwei Stunden zu spät auf der Party an. Niemand hatte mich vermisst. Statt der üblichen Spende von Alkohol hatte ich zwei Männer zum Gelingen des Abends mitgebracht, die ich in der U-1 auf dem Weg hierher getroffen und kurzerhand überredet hatte, mich zu begleiten. Einer war ein Münchner namens Gregor, der kurz davor stand, sein Jurastudium abzubrechen und seine Wochenenden derzeit damit verbrachte, von einer Party zur nächsten zu driften.

Gregor wohnte zu seiner eigenen Verlegenheit in einer kleinen, für ihn erworbenen Eigentumswohnung seiner Eltern in Dahlem und war auf dem Weg nach Hause gewesen. Ich hatte ihn bereits seit einigen Wochen nicht mehr in der Uni gesehen. Ich mochte ihn. Er erwiderte mein Interesse nicht, aber wir gingen  gelegentlich zusammen ins Kino. Man konnte gut mit ihm reden, wenn er nüchtern war. Er war ziemlich belesen. Zuletzt hatten wir zusammen  „Brazil“ OmU von Terry Gilliam gesehen. Das war schon wieder einige Monate her. An diesem Abend in der U-Bahn waren Gregors Pupillen ziemlich schwarz und sein Blick etwas entfernt. Er hatte seinen Arm nachlässig um die Schultern seines Begleiters gelegt. Einer hielt den andern aufrecht, oder sie hielten sich doch jedenfalls abwechselnd in der Gegenwart, die dem jeweils anderen sichtbar entglitt.

Gregors Begleiter trug eine Baseballjacke mit der Aufschrift „Texas Rangers“ und schien ein großer Schweiger zu sein. Gregor hatte zwar wenig offenkundige Begeisterung für meinen Vorschlag, mich auf Melanies Party zu begleiten, aber auch ebensowenig Widerstand gezeigt. “What the hell”, hatte er gemurmelt, aber mit bayrischem Akzent. “Sure.” Und dann: “Why not.” Gregor hatte ein Austauschschuljahr in einer Kleinstadt in Michigan verbracht. Er liebte und verachtete alles Amerikanische. Sein Begleiter war vorübergehend eingenickt, sein Kopf rollte mit den Bewegungen der U-Bahn sacht und vollkommen entspannt über seine Brust, aber Gregor schien davon auszugehen, dass wir die Zustimmung des Texas Rangers nicht brauchten.  Great.

Während der Ranger schlief, erzählte ich Gregor von dem Vortrag des Feinstrickpullis und selbsternannten Experten für nukleare Sicherheitsfragen vom Vormittag, den ich jetzt nur noch  „General „Buck“ Turgidson“ nannte, und den wir beide, Gregor und ich, schon im Zivilleben, als reiner Pulli, nicht gut hatten ertragen konnten, weil an dem Mann kein einziger originärer Gedanke zu entdecken war, er aber ununterbrochen aus zusammengebastelten Gedanken dozierte. Man konnte ihm nicht aus dem Weg gehen, er war gut darin, sich strategisch geeignete Plätze in der Wandelhalle zu suchen, bevor er mit seinen Vorträgen begann, wie ein Startenor, dem es darum geht, mit dem Klang seiner Stimme wirklich alle zu erreichen und zu beglücken. Er galt als ungemein klug. 

Ich dachte, ich könnte Gregor ein wenig aufmuntern, indem ich ihm eine kleine Impromptu-Performance der Szene in der Wandelhalle mit der Referenz aus Dr. Strangelove gab, die mir spontan in den Sinn gekommen war, Derartiges gefiel Gregor jedenfalls in nüchternem Zustand. Überhaupt gefiel ihm alles, was mit Film zusammenhing. Pasolini. Fellini. Gilliam. Zwischen Oktober 1985 und Mai 1986 hatte ich Dr. Strangelove in drei verschiedenen Kinos gesehen, zweimal davon mit Gregor.

Ich imitierte den General, aber nahm die typische, leicht bogenförmige Körperhaltung des Feinstrickpullies ein: „Mr. President, we are rapidly approaching a moment of truth both for ourselves as human beings and for the life of our nation. Now, truth is not always a pleasant thing. But it is necessary now to make a choice, to choose between two admittedly regrettable, but nevertheless *distinguishable*, postwar environments: one where you got twenty million people killed, and the other where you got a hundred and fifty million people killed.“ 

Ich gab eine überzeugende Darstellung, fand ich. Der Schweiger wachte auf, aber Gregor versäumte leider seinen Einsatz als President Merkin Muffley: „You’re talking about mass murder, General, not war!“ Der Schweiger betrachtete mich ausgiebig über den Gang hinweg, als sähe er mich jetzt zum ersten Mal, seine Augen wanderten über mich wie über eine unbelebte Oberfläche unbekannten Ursprungs und blieben mit mit einer etwas verstörenden Aufmerksamkeit  an den Details hängen, an meiner Nase, meinen Lippen, meinen Ohrringen, den Knöpfen meiner Jacke. Die methodische Weise, mit der er dabei vorging, gab mir das Gefühl, wie ein seltenes Insekt studiert zu werden. Die beiden waren offenbar auf demselben Trip. Ich ließ es gut sein und summte wieder „Try a little tenderness“. Ich war so angespannt, dass meine Haut kribbelte. 

Als wir am Studentenwohnheim Dahlemdorf, Gebäude 6, angekommen waren, folgten wir einfach der Musik, die durch das Treppenhaus geblasen wurde. Auf dem Weg von der U-Bahn hierher hatte sich herausgestellt, dass der Typ in der Baseballjacke tatsächlich ein Amerikaner aus Texas war. Gregor hatte mir anvertraut, dass er sich nicht erinnern konnte, wo er ihn aufgelesen hatte. Im Augenblick wirkte Gregor plötzlich recht nüchtern. Ich bedauerte wieder einmal, dass er nicht weiter studieren wollte. Es schien eine Verschwendung, dass einer wie Gregor sich plötzlich gegen das Studium entschied, das mehr Leute wie ihn und weniger vom Typ Feinstrickpulli gut vertragen hätte. Ich war überzeugt, dass er das Zeug zu einem guten Juristen hatte. Er hatte seine Klausuren mit einer gewissen nachlässigen Eleganz und ohne viel Aufsehens davon zu machen, sofort im zweistelligen Bereich geschrieben. Sein Vater war ein bekannter Richter in München, aber damit ging Gregor nicht hausieren. Ich vermutete,  Gregor wollte nicht wie sein Vater werden.

Im Treppenhaus des Studentenwohnheims kamen uns Leute entgegen, die bereits auf dem Weg zur nächsten Party waren und uns im Vorbeigehen aufforderten, uns ihnen anzuschließen. Der Amerikaner strahlte und folgte ihnen wie ein Hündchen , dem man einen neuen Stock geworfen hatte, nur um sich ebenso plötzlich doch anders zu besinnen und uns – oder jedenfalls Gregor – erneut hinterher zu stürmen, zwei Stufen auf einmal nehmend. Er  schob sich gleichzeitig mit uns durch die offene Wohnungstür. „Here we are,  here we are“, rief er in den Raum und fuchtelte mit seinem rechten Arm, als lehne er sich aus einem einfahrenden Zug. Ein paar Leute lachten. Gregor und ich grinsten einander an. Der Amerikaner machte sich ohne Zögern auf die Suche nach einem Bier.

Die Leute waren erwartungsgemäß überwiegend bereits ziemlich betrunken oder bekifft. Toni, der heute morgen in der Strafrechtsvorlesung neben mir gesessen hatte, hatte es irgendwie geschafft, sich auf ein Glas oder eine auf eine  Flasche auf dem Couchtisch zu setzen, die prompt unter seinem Gewicht zerbrochen war, und ließ sich gerade im WC bei aus Platzgründen geöffneter Tür von zwei Medizinstudenten die Splitter aus dem Hintern ziehen. Dafür hing er halb ohnmächtig über dem geschlossenen Klodeckel. Jemand erzählte, dass die Mediziner auf die Idee gekommen waren, die Schnittwunden mit Wodka zu desinfizieren. Toni selbst war so betrunken, dass weitere Maßnahmen zur Betäubung nicht erforderlich waren.

Von dem Couchtisch führte eine Blutspur  über das Linoleum bis ins Bad. Die Scherben auf dem Tisch waren aber erstaunlicher Weise fortgeräumt worden. Die Party ging weiter. “Der muss genäht werden”, rief einer der Mediziner aus dem Bad. “Das blutet ja wie Sau. Wer bringt den jetzt ins Krankenhaus?” 

“Zu mir kommt der nicht ins Auto”, antwortete ein anderer unvorsichtiger Weise im Vorübergehen, “der versaut mir die Polster.” Ah, Philipp. Unkluge Bemerkung. Die Mediziner schleppten Toni aus dem Bad zurück ins Zimmer und deponierten ihn vorübergehend bäuchlings jetzt zwischen Sofa und Couchtisch auf dem Linoleum. Dann nahmen sie Philipp ins Kreuzfeuer, der immer wieder den Kopf schüttelte. Die Jungs hatten Tonis Jeans wieder hochgezogen, aber der Hosenboden war zerschnitten und blutgetränkt. “Das sieht echt scheiße aus”, stellte ein dritter Mediziner fachkundig fest, den können wir hier doch nicht so liegen lassen. Philipp geriet zunehmend unter Druck, aber leistete noch Widerstand. Der Mann liebte sein Auto. 

Der Amerikaner stand ebenfalls mit einer Bierflasche in der Hand über den Couchtisch hinweg über Tonis Hintern gebeugt und begutachtete ihn ebenso konzentriert wie er vorhin in der U-Bahn mein Gesicht betrachtet hatte. Dann richtete er sich auf und sagte begeistert: „This guy busted his ass“, als sei dies eine unglaubliche Entdeckung. Er hatte Spass in Berlin, das konnte man deutlich sehen. Er richtete sich auf, brauchte einige Augenblicke, um sich wieder im Raum zu orientieren, und schob sich zurück in die Küche, um sich ein neues Bier zu holen.

Die Mediziner bearbeiteten Philipp weiter. Schließlich würden sie eines Tages das Genfer Gelöbnis ablegen. Sie waren entschlossen, Toni zu retten. Vielleicht hatten sie es aber auch nur mit der Angst zu tun bekommen, nachdem ihre Wodka-OP nur zu einer Verstärkung der Blutung geführt hatte. Schließlich gab Philipp auf, holte seine Pilotenjacke und zog die Schlüssel für seinen Golf GTI aus der Hosentasche. Ich war sicher, dass ihm das Herz mindestens ebenso blutete wie Tonis Hintern.

Die Mediziner holten ein Handtuch aus dem Bad und eine Aldi-Plastiktüte aus der Küche, um Philipps Polster zu schützen und zogen Toni  mit einiger Mühe vom Boden hoch. Philipp ging fluchend voran und die beiden Medizinstudenten folgten mit Toni, indem sie sich jeder jeweils einen seiner Arme um den Hals schlangen. Toni hing zwischen ihnen und schritt teils wie eine Marionette mit hölzernen Schritten mit, teils wurde er von seinen Samaritern über den Boden geschleift. Er verlor mit jedem Schritt Blut aus dem Hosenbein und trug ein Grinsen im Gesicht, das irgendwo zwischen Schmerz und Heldentum eingefroren war. Ich fragte mich, ob er sich morgen daran erinnern würde, wie er zu seinen Verletzungen gekommen war. Heute Mittag hatte er traurig in den strahlenden Himmel geblickt und dann festgestellt, dass es jetzt Zeit zum Feiern sei. Wenn die Welt schon vor die Hunde ginge, müsse man feiern, verdammt.

Melanie,  die Gastgeberin, die einen spektakulär flauschigen, engen roten Pullover trug, tanzte von allem und allen unberührt, vollkommen in sich selbst versunken in der Mitte des Raums, verfolgt von den trägen Blicken mehrerer Typen, die  an den Wänden am Boden saßen, aber zu bekifft oder zu betrunken waren, ihre offensichtlichen Gedanken in Taten umzusetzen. Es stellte sich heraus, dass es sich  bei der Party um Melanies Geburtsparty handelte. Ich bereute, dass ich gekommen war. Der Umstand, dass dies eine Geburtstagsfeier sein sollte, machte den Tag noch bedrückender. Meistens vermied ich Parties, für die eine Generaleinladung durch die Wandelhalle ging. Die Alkoholexzesse der Juristen und der Mediziner auf solchen Parties, für die eigentlich niemand so richtig zuständig, auf die niemand wirklich persönlich eingeladen war, nicht einmal die Leute, die es waren, waren Legende, aber ich hatte den Abend nicht allein verbringen wollen. Ich hatte vor allem nicht weiter über den strahlenden Himmel nachdenken wollen.

Über den Mangel eines Geschenks für die Gastgeberin brauchte ich mir allerdings keine Gedanken zu machen, denn Melanie, mit der ich übrigens nur sehr lose bekannt war, befand sich in einer anderen Sphäre, in welcher nur sie, der Kuschelpullover und ihre seltsam fließenden Bewegungen existierten. 

Die Leute, die das Zimmer durchquerten, gingen um sie herum wie um ein Möbelstück. Ihre beste Freundin  Rebecca saß auf dem Sofa, vor dem gerade noch Toni gelegen hatte, hielt ein Glas Weißwein in der Hand und war tief in ein Gespräch mit einem hübschen Philosophiestudenten versunken, der dafür bekannt war, auf Juristen- und Medizinerparties aufzutauchen und die Mädchen mit seinen  rehbraunen Augen ernsthaft anzublicken, ihnen nachdenklich zuzuhören und gelegentlich, tatsächlich ziemlich gekonnt, unaufdringlich Kommentare wie „Kants Imperativ“  oder “Es gibt kein wahres Leben im Falschen” in die Unterhaltung einzuflechten.

Die Juristen und Medizinerfachbereiche zogen vorwiegend Männer an, die sich gerne selber reden hörten und Frauen, die dieser Monologe zwar müde waren, aber nicht so müde, als dass sie die feministischen Positionen ihrer Müttergeneration auszuprobieren gewillt waren. Manche kamen überdies aus überzeugt bürgerlichen Elternhäusern, andere simulierten eine solche Herkunft recht überzeugend. Der Philosophiestudent nahm sich gekonnt des emotionalen Bedarfs der in ihrer eigenen Inertia von ihren Kommilitonen unterschätzten und zugleich intellektuell unterversorgten Studentinnen der fremden Fachbereiche an.

Erst im zweiten Stadium der Eroberung wurde der schöne Philosoph beredter und schöpfte aus einem (wie ich  zu anderer Gelegenheit  aus erster Hand in Erfahrung hatte bringen können) durchaus begrenzten Repertoire an literarischen und philosophischen Zitaten. Dann sprach er mit großer Ernsthaftigkeit und fein zurückhaltender Leidenschaft: „Wenn mir etwas von Hegel und denen, die ihn auf die Füße stellten, in Fleisch und Blut übergegangen ist, dann ist es die Askese gegen die unvermittelte Aussage des Positiven; wahrhaft eine Askese, glauben Sie mir, denn meiner Natur läge das Andere, der fessellose Ausdruck der Hoffnung, viel näher.“ Auf den bewundernden Blick seiner Gesprächspartnerin, der dieser Offenbarung folgte, gab er bescheiden seine Quelle preis: „Adorno natürlich. Aus dem Briefwechsel mit Thomas Mann. Aber besser kann man es nicht zu sagen.“

Das Zitat probierte er auch an Rebecca aus, es war einfach zu schön, um lange ungenutzt im Archiv zu stecken. Ich dachte: „Und  das, wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Wittgenstein.“ Aber ich gönnte ihm seinen Erfolg; er arbeitete redlich dafür. Und die Begrenztheit seines Repertoires störte nicht, denn er fand immer wieder eine neue Zuhörerin. Ich hatte noch nie eine Klage über den schönen Philosophen gehört.

Von Zeit zu Zeit sah Rebecca zu Melanie hinüber, die weiter vor sich hin tanzte wie eine kaputte Puppe. Ob sie sich von dem Philosophen losreißen würde, um Melanie zu retten, wenn sich ihr jemand in ihrem trunkenen Zustand nähern sollte?  Ich versuchte noch einmal zu erinnern, wer mich eigentlich zu der Party eingeladen hatte. Wahrscheinlich war es Toni gewesen. Hatte er erwähnt, dass es sich um Melanies Geburtstag handelte?  Ich konnte mich nicht entsinnen. Ich war in den letzten Tagen abgelenkt, nahm nur ausschnittsweise am Geschehen teil. Der strahlende Himmel beschäftigte mich. Verdammt. Ich gab das Nachdenken auf, holte ich mir ein sauberes Glas aus dem Küchenschrank und öffnete eine unangebrochene Flasche Cola mit einem Zisch und schenkte mir ein. Dann stellte ich mich zu einer Gruppe von Leuten, die offenbar noch nüchtern genug waren, um miteinander zu reden, unter ihnen Gregor. 

Das Gespräch handelte zunächst vom Wetter, davon, wann der Regen kommen würde, und  schließlich, ohne rechten Zusammenhang davon, dass Westberlin sowieso eine Fiktion war. “Westberlin ist eine Fiktion, verdammt”, sagte Gregor mehrmals, “eine verdammte Fiktion”. Ich sah aus dem Fenster in den samtblauen, leuchtenden Nachhimmel hinter den gedämpften Partylichtern, die sich in der Scheibe spiegelten. Unsere Gestalten reflektierten sich in der Glasscheibe wie transparente Schatten von morgen.

Einer der Studenten, kein Jurist, war als Statist bei den Filmarbeiten zu Wim Wenders „Himmel über Berlin“ engagiert worden, und erzählte davon, dass er Peter Falk getroffen habe. Nun ja, beinahe getroffen. Eher ihn einmal im Vorbeigehen gesehen, also fast neben ihm gestanden hatte. Das ist ein cooler Typ, trotz seines Alters, schwärmte er. Gregor hing an seinen Lippen. „Nimmst Du mich das nächste Mal mit, fragte er den Statisten, wann gehst Du wieder hin? Suchen sie noch Statisten?”

Aber der Statist fühlte sich zwischen dem Stolz, dass seine Geschichte auf fruchtbaren Boden gefallen war, und der Anmaßung, dass Gregor dachte, er könne auch ohne weiteres als Statist ausgewählt werden, als sei das nichts Besonderes, als habe Peter Falk ihn , den Erzähler, nicht beinahe persönlich ausgesucht, weil er ein solches Charaktergesicht hatte, hin- und hergerissen. “Das geht nicht so einfach, wie Du Dir das denkst”, erwiderte er. “Da muss man sich erst einmal einfühlen, in die Zeit, verstehst du, da musst Du echt erst ein feeling dafür kriegen.” Aber ich sah Gregor schon an, dass er auf jeden Fall gehen würde. Er war jetzt ganz nüchtern und konzentriert.

Ich sah aus dem Fenster in den samtblauen, leuchtenden Nachhimmel hinter den gedämpften Partylichtern, die sich in der Scheibe spiegelten. Unsere Gestalten reflektierten sich in der Glasscheibe wie transparente Schatten von morgen. Wir waren schon heute unsere eigene Vergangenheit. Wann würde der Regen kommen? Machte es überhaupt einen Unterschied, ob eine nukleare Staubwolke in 10.000 Metern Höhe über uns hinwegzog, oder der atomare Staub hinabgewaschen werden würde? Und so lange es nicht regnete, machte es einen Unterschied, ob man sich in einem Gebäude oder draußen aufhielt? In der Scheibe redete ein anderer Gregor stumm auf einen anderen Statisten ein, eine andere Melanie tanzte in einem roten Pullover, obwohl dort, in dem parallelen Universum, keine Musik spielte, und die schemenhafte Gestalt, die ich selbst sein musste, mit dem hoch gebundenen Pferdeschwanz, immer noch in meiner Jacke, mit einem Glas Cola in der Hand, zwinkerte mir aus der Parallelwelt zu, als sei sie in ein anderes Buch aus Borges Bibliothek geschrieben, und der Himmel über Berlin in ihrer Stadt roch bereits nach Staub und Sommerregen. Und das war kein Anlass zum Fürchten. In ihrer Welt.

 

Ein strahlender Tag

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Der 2. Mai 1986, ein Freitag, war  in mehrfacher Hinsicht ein strahlender Tag in West- und in Ostberlin. Der Himmel war  strahlend tiefblau,  absolut wolkenlos. Am Morgen  dieses Tages wippte ich auf meinem Klappstuhl im Auditorium Maximum im Henry Ford Bau der Freien Universität Berlin, balancierte einen linierten Schreibblock auf den Knien und zeichnete mit einem sehr feinen schwarzen Filzstift (0,05-Spitze, Edding) in die Marginalien meiner Notizen, während ich der Strafrechtsvorlesung Prof. Dr. Hermann Bleis mit relativer Aufmerksamkeit folgte. Die Figuren, welche die Ränder meines Heftes bevölkerten, waren in Zillemanier ausgeführt und erfreuten auch meine Sitznachbarn, die von Zeit zu Zeit hinüber spähten und unterdrückt lachten. 

Die Vorlesung gab mir ausreichend Anregung zu meinen  karikaturistischen Zeichnungen. Prof. Blei bevölkerte seine Fälle mit misogynen Charakteren, an denen wir die Grundzüge des Strafrechts deklinieren lernen sollten. Der Prof. war ein bayrisches Urgestein, er dozierte nicht, er polterte. Die von ihm gebildeten Lehrfälle zeugten von einer unapologetischen Altherrenphantasie. Hier traf ein Zuhälter namens Himmelsstoss auf einen Gynäkologen  namens Prof. Dr. Frauenfeind, ein Zahnarzt trug den inspirierten Namen Dr. Deflorian. Der anzügliche Ton setzte sich bei den Frauennamen fort, hier agierten in unheilvoller und unappetitlicher Manier die Witwe Wüst und ihre Freundin, die Prostituierte Freudenreich, ihre kriminellen Neigungen an unschuldigen, schwächlichen Männern aus. Letztere wurden auch von einem Filmstar namens Busoni übervorteilt oder von diversen Ehefrauen zurechtgestutzt, welche sich Frau Emanz, Frau Freudlos oder Frau Unwirsch nannten. Deren – dem Personenstand naturgemäß freudlos – vermählten Ehemänner hießen Herr Sündermann, Herr Lüderjahn und August Geil. 

Für Prof. Blei gab es, dies schien die eigentliche Essenz dieser Fälle, nur drei Motive für jegliches Verbrechen, drei Motive, an denen wir Diebstahl, Betrug, Raub, Körperverletzung, Totschlag und Mord in allen qualifizierenden Varianten messen sollten, drei Motive, die für ihn offenbar das  gesamte übrige Leben, das strafrechtlich nicht relevante Menschengewimmel, umfassend und abschließend zu erklären vermochten. Geilheit, Geldgier. und Dummheit.  In beliebiger Reihenfolge. Die Fallbeispiele zum untauglichen Versuch, zum Irrtum über Rechtfertigungsgründe oder zum dolus directus und dolus eventualis, die dies veranschaulichen sollten, und welche ich in den Marginalien der Notizen zu seinen Vorlesungen illustrierte, waren in ihrer konstruierten stereotypen Abstraktion wie versteinerte Weltentheater in Streichholzschachteln. 

Prof. Blei, korpulent, Halbglatze, Hornbrille, war unter den Studenten und Studentinnen bekannt wie ein bunter Hund. Sein Ruf eilte ihn voraus und er arbeitete gewissenhaft und erfolgreich daran, ihn zu erhalten. Kommilitoninnen, die offensichtlich politisch engagierter waren als ich, und die sich über Prof. Blei (aber niemals, soweit ich erinnere, ihm persönlich gegenüber) letztlich zu Recht empörten und „Konsequenzen“ forderten, hielt ich entgegen, ich sei der Auffassung, man solle ihn doch vielmehr unter Denkmalschutz stellen und gewähren lassen. Soviel zur feministischen Solidarität. Der Prof. sei, so argumentierte ich und kam mir dabei geistreich vor, der Letzte einer aussterbenden Art, die neue Zeit stehe schon vor den Türen, und das könne und müsse gegenüber einem Fossil vergangener Tage wohl in gewisser Weise mild und versöhnlich stimmen. Nach Prof. Blei würden dann, das müsse uns klar sein,  nur noch solche kommen, die ihren Misogynie wesentlich besser zu verkleiden verstehen würden. Mit Letzterem sollte ich Recht behalten. 

Zwar gab es auch 1986 noch andere Profs, welche den Frauen in ihren Lehrfällen Namen wie „Berta Bummske (im folgenden: B)“ gaben, aber keinem von diesen gelang es wie Prof. Blei, auch seinen Kritikern wenn schon keinen Respekt, so doch jedenfalls von Zeit zu Zeit ein unwillkürliches Grinsen abzuringen. Das hatte weniger mit der Namensgebung in seinen Lehrfällen und seiner gesellschaftspolitischen Einstellung zu tun, als vielmehr mit seinem Gesamtauftreten,  das aus einem Guss war. Der Mann war ein wandelndes Kuriositätenkabinett, in seiner Menschen- und Frauenverachtung eine Art spezialisierter, überzeichneter Kästner, kurz: ein Gesamtkunstwerk. 

Die ZEIT hatte in einem im  juristischen Fachbereich wohlbekannten Artikel zwei Jahre zuvor Bleis „Kuriositäten“ als „aggressive, unangenehme Überschreitungen des üblichen juristischen Schenkelklopf-Humors“ bezeichnet.  Und doch: hier stand er vor uns, und fabulierte und dozierte mit unverminderten Geschmack an der Grenzüberschreitung weiter. Den änderte keiner mehr, keine Studentenkritik, die ihm die Fantasie eines dilettierenden Pornoschreibers in einer Fachpublikation attestiert hatte, keine Artikel in der ZEIT, auch nicht die Distanz feingeistiger Kollegen. 

Nicht diese Überschreitung, der mehr menschen- als allein frauenverachtende, aus dem Ruder gelaufene Kalauer, aber diese polternde Unbeirrbarkeit, unterhielten mich insgeheim. Den Mann zu mögen, war ein früher Fall von political Uncorrectness, dessen war ich mir bewusst. Ich hörte dem Urgestein angeregt zu, amüsierte mich und zeichnete. Ich war ziemlich gut in strafrechtlicher Dogmatik. Prof. Blei konnte man ohne weiteres zwei Stunden zuhören, nicht nur wegen seiner bayrischen Farbigkeit und ungezügelten Lust am Schlüpfrigen. Er war, so schien es, gern im Hörsaal, das traf nicht auf alle unsere Dozenten und Professoren zu. Prof. Blei, trotz politisch kontroverser Positionen, konnte Recht unterrichten. 

Wir saßen im Audimax, zwanzig Jahre zuvor das Zentrum der Berliner Studentenproteste. Die Achtundsechziger Studentenbewegung und ihre politischen Unruhen und Verwerfungen war ein Werk unserer Eltern, ihre Proteste in unseren Augen Diskussionen von gestern, derer wir müde waren. An der Universität Berlin herrschte jedenfalls unter den Studierenden der Rechtswissenschaft wieder beflissene, neutrale Strebsamkeit. Wir trugen blaue Rollkragenpullover und Perlenohrringe, und lächelten über Socken in Birkenstocksandalen. 

Dabei war Berlin war immer noch geteilt. Der Kalte Krieg dauerte an und wir waren mittendrin und nach zwanzig Jahren politischen Aufbegehrens unserer Eltern weitgehend ahnungslos. Der NATO-Doppelbeschluss, welcher die Aufstellung neuer mit Atomsprengköpfen bestückter Raketen und Marschflugkörper – Pershing II und BGM-109 Tomahawk – in Westeuropa vorsah, war trotz massiver Proteste der Bevölkerung nicht verhindert worden, und wir interessierten uns nicht weiter dafür. Joseph Beuys war im Januar desselben Jahres gestorben und mit ihm schien der letzte Wille zur leidenschaftlichen politischen Aktion endgültig zu Grabe getragen worden sein. Sein letztes Urteil über die Grünen: stinklangweilig!, beschrieb auch die neue Generation Studierender der FU. 

Wir waren stinklangweilig. Politik wurde wieder  in Bonn gemacht und wir mischten uns nicht ein. Auch an jedem strahlenden Morgen im Februar, pilgerten wir brav in unsere Vorlesungen, um zu erfahren, wie das Verhalten von August Geil gegenüber Berta Bummske strafrechtlich zu beurteilen sei. Ich saß in Prof. Bleis Vorlesung, zeichnete, ignorierte den strahlenden Himmel und tat so, als lebten wir nicht in einer Welt am Abgrund. 

Nach der Vorlesung war es fast Mittagszeit. Studenten strömten aus den Vorlesungssälen  des Henry-Ford-Baus Richtung Cafeteria im Hauptgebäude des Fachbereichs in der Van´t Hoff-Straße. Es war warm an diesem Maitag, und vereinzelt ließen sich Studenten wie gewohnt auf den Rasenflächen zwischen den Fachbereichsgebäuden nieder, aber die meisten mieden den verlängerten Aufenthalt im Freien und suchten zügig das Lehrgebäude in der Van´t Hoff-Straße auf.

Ich passte mein Tempo dem Strom von Studenten an, die zur Van-t-Hoff-Straße hinüberliefen,  diesem seltsamen trägen Tempo der Masse, das auf einer universellen Trägheit beruht. Im Fachbereich leerte ich mein Schließfach und setzte mich auf eine Bank in der Wandelhalle, um meinen  Schreibblock und meinen ziegelsteinschweren Schönfelder, eine fette Loseblattsammlung Deutscher Gesetze, in meiner Tasche zu verstauen. Ich wollte in nicht in der U-Bahn auf den ersten Blick als Jurastudentin erkennbar sein. 

Um mich herum standen Studenten in kleinen Gruppen, die das neue Vokabular der letzten Tage aneinander ausprobierten und über leicht flüchtige Isotope, Jod-131, Cäsium-137 und Strontium-90 diskutierten, als wären wir an der TU bei den Physikern. Niemand hier wusste, was diese Vokabeln tatsächlich bedeuteten. Vor vier Tagen, am 28. April, war in dem schwedischen Kernkraftwerk Forsmark aufgrund alarmierender radioaktiver Messungen Alarm ausgelöst worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die radioaktive Wolke, welche sich über dem sowjetischen Kernkraftwerk Wladimir Iljitsch Lenin nahe der ukrainischen Stadt Prypjat nach einem offenbar katastrophalen nuklearen Unfall gebildet hatte, bereits über Polen und die baltischen Länder Richtung Skandinavien bewegt. Ebenfalls am 28. April hatte die sowjetische Nachrichtenagentur TASS erstmals kurz von einem „Zwischenfall“ beim Betrieb des Kernkraftwerks Tschernobyl, zwei ganze Tage zuvor, nämlich am 26. April, berichtet. Zu dieser Zeit hatte der „Zwischenfall“ wahrscheinlich bereits eine Aktivität von mehreren Trillionen Becquerel freigesetzt.

Der Himmel über Berlin strahlte. In den Medien herrschte milde bis ausgedehnte Desinformation, die in erster Linie der Beschwichtigung diente. Der Berliner Bürgermeister Diepgen ging persönlich Gemüse und Salat einkaufen, und ich überlegte, ob ich die Einladung zu einer Party im Studentendorf Dahlem an diesem Abend annehmen sollte. Der Himmel strahlte, aber für die nächste Woche war Regen vorhergesagt, welche den radioaktiven Staub in die Stadt hinunterwaschen würde. Zuvor aber ein sommerlich warmes Wochenende. 

Das tröstliche Wort „Zwischenfall“, übersetzt aus der kargen Meldung der Sowjets und aufgegriffen von deutschen Politikern und Nachrichtensprechern konkurrierte in den Diskussionen in der juristischen Wandelhalle mit dem weniger tröstlichen Begriff Wort Super-GAU, ebenfalls neu in unserem Vokabular.  

Das sei alles nicht so wild, kein Grund zur Panikmache, dozierte ein blauer V-Ausschnitt  über gestärktem Hemdkragen, drittes Semester. Zwischenfälle in AKWs seien im Szenario auslegungsüberschreitender Störfälle bereits vorhergesehen und es gäbe gute Notfallpläne. Er werde in nächster Zeit einfach nicht so viel frisches Zeugs essen. Unfälle seien bei der Auslegung kerntechnischer Anlagen und Prüfung der kerntechnischen Zulassung bereits anzunehmen, dies sei doch glasklar. 

Ich starre kurz hinüber. Die Selbstsicherheit, mit der der blaue Feinstrick-Pullover dies vorträgt, ist verblüffend. Innerhalb von vier Tagen ist er zum Experten für die nukleare Sicherheit in West-Deutschland und zu seinem eigenen Propagandaministerium avanciert. Er legt  seinen Zuhörern eindringlich dar, warum wir hier, in Westdeutschland und in Westberlin sicher sind, wir haben die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), eine technisch-wissenschaftliche Forschungs- und Sachverständigenorganisation mit rund 450 Mitarbeitern, davon mehr als 350 Wissenschaftlern. Deren Hauptaufgabe bestehe darin, die Sicherheit technischer Anlagen zu bewerten und zu verbessern und den Schutz von Mensch und Umwelt vor Gefahren und Risiken solcher Anlagen weiterzuentwickeln. 

Wie ein Echo zu seinen Worten höre ich General „Buck“ Turgidson aus Dr. Strangelove: „The Russkie talks big, but frankly, we think he’s short of know how. I mean, you just can’t expect a bunch of ignorant peons to understand a machine like some of our boys.“ 

Der Feinstrickpulli fügt nicht explizit hinzu, dass nukleare Strahlung sich auf den Kompetenzbereich der jeweils zuständigen Behörden beschränkt und an der Berliner Mauer geflissentlich und gehorsam kehrmacht, aber das ist die Essenz seiner Rede. Also, kein Anlass zur Sorge. Wenn ich mich auf der Party an den Rotwein halte, von denen manche meinen, dass er vor der Strahlenkrankheit schütze, und mich vom Salat fernhalte, bin ich auf der sicheren Seite. Jedenfalls bis der Regen kommt. Ich beschließe, auf die Party zu gehen, auch wenn ich keinen Rotwein mag.

Dennoch bin ich für einen Augenblick versucht, den Pulli nach der  Van-’t-Hoff-Gleichung aus der Thermodynamik zu fragen, die den Zusammenhang zwischen der Lage des Gleichgewichts einer chemischen Reaktion und der Temperatur bei konstantem Druck beschreibt. Das sollte für den frischgebackenen naturwissenschaftlichen Experten eine einfache Frage sein, da unser Fachbereich seine Postadresse in der Van-Hoff-Straße hat, und würde ihm erlauben, sein Allgemeinwissen ebenso glänzend auszuführen wie sein neues naturwissenschaftliches Vokabular, das offenbar aus der Berliner Morgenpost stammt. Er wäre mir sicher sehr dankbar für die Gelegenheit. Ich entscheide mich dagegen, schlinge mir meine Ledertasche um die Schultern und spaziere zum Ausgang, während ich „Try a little tenderness“ aus Dr. Strangelove vor mich hinsumme.