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Denn die Gesellschaft, die ihre Kindern keine Freiheit lehrt, wird keine Freiheit kennen.

Art. 12 der UN-Kinderrechte
Art. 12 der UN Kinderrechtskonvention: Du hast das Recht, Deine eigene Meinung mitzuteilen. Die Erwachsenen müssen das, was Du sagst ernst nehmen. Auch Richter müssen Dich anhören, wenn Du betroffen bist.

Die Magna Charta Libertatis der Kinderrechte

(Eröffnungsrede zur Ausstellung MONSTER.KUNST.KINDER.RECHTE im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, BMJV, am 3. Juli 2015. Ausstellung 3. Juli – 26. August 2015)

Kinderrechte sind Schutzrechte.

Der Vater der UN- Kinderrechte, Janusz Korczak, hat darüber hinaus gefordert, dass Kinder nicht nur Schutzrechte brauchen. Er hat gefordert, den Kindern im Rahmen einer Magna Charta Libertatis dieselben wichtigen, politischen, Rechte zur Lebensführung einzuräumen, wie sie für die Erwachsenen gelten.

Dazu gehört zunächst, anzuerkennen, dass Kinder schon sind, das sie schon vollwertige Menschen sind und nicht erst zu solchen werden.

Sie müssen deshalb das Recht haben, ihr Leben selbst zu gestalten. Für Korcak gehörte dazu das Recht darauf, eigene Erfahrungen zu machen, ernst genommen zu werden und auch: eigene Fehler zu machen. Ohne Fehler kann man nämlich nicht lernen. Wer nur trainiert wird, Fehler zu vermeiden, dem wird die Freude der Entdeckung und des Lernens ganz vorenthalten. Das darf nicht sein, denn es liegt in der Natur des Menschen zu lernen.

Ganz konkret heißt das, dass Schule, Eltern und BetreuerInnen Raum für Fehler lassen müssen. Nicht alles, was ein Kind sagt und ausprobiert, darf bewertet werden. Erwachsene vergessen, dass sie mit gutem Recht in ihrem eigenen Leben eine solche Kontrolle ablehnen – und dass das Gesetz, das Grundgesetz, ihnen diese Freiheit garantiert. Das darf für Kinder nicht anders sein.

Kinder haben das Recht, Fehler zu machen.
Kinder haben das Recht, selbst zu bestimmen, was für Fehler sie machen wollen. 
Kinder haben das Recht, mit Achtung und Liebe behandelt zu werden, auch wenn sie viele Fehler machen. Auch wenn sie keine guten Noten schreiben.

Kinder ernst zu nehmen, das heißt für die Erwachsenen auch, zu erkennen, dass Kinder und junge Menschen oft einen klaren Blick haben.

Erwachsene müssen bereit sein, von den Kindern in ihrem Leben zu lernen. Das bedeutet, dass auch Erwachsene den Kindern aufmerksam zuhören und wägen müssen, was diese sagen. Das bedeutet, dass Erwachsene erkennen, dass auch Kinder Kompetenzen, Wissen und Einsichtsvermögen besitzen, welche die Erwachsenen nicht haben.

Es ist eines der Geheimnisse des Erwachsenenlebens, dass es einem so viele Zugeständnisse abfordern kann, dass man die wichtigen Dinge nicht mehr sieht. Das Seltsame ist, dass Kinder oft mutiger sind als Erwachsene, auch, dass sie oft einen ausgeprägteren Sinn für Gerechtigkeit besitzen als Erwachsene.

Es ist für Erwachsene – oft aus Sorge um ihr Kind – schwer anzunehmen, dass Kinder eigene Wege gehen wollen und müssen.

Deshalb ist es für Kinder sehr wichtig, Nein zu sagen zu den Wünschen der Erwachsenen. Und es ist für Erwachsene wichtig, zu lernen, ein solches Nein mit Würde zu akzeptieren.

Kinder haben das Recht, Nein zu sagen.

Es ist noch schwerer, ohne Herablassung und Sentimentalität zu erkennen, dass uns dieser unverstellte Blick der Kinder manches über die Erwachsenenwelt sagt, dass wir als Erwachsene gerne abschwächen möchten, weil es nicht sehr schmeichelhaft für uns ist.

Wenn unsere Kinder uns fragen, warum andere Kinder mit ihren Eltern in kleinen Booten über das Meer fliehen müssen, möchten wir am liebsten mit einiger Überlegenheit sagen: das ist nicht so einfach, glaube mir, das verstehst Du noch nicht. Aber wenn wir aufrichtig sind, müssen wir sagen, dass wir Erwachsene zuweilen furchtbare Fehler machen, vieles selbst nicht gut genug verstehen, bequem und oft nicht mutig genug sind und nicht genug Fragen stellen.

Kinder haben das Recht zu wissen, dass Erwachsene Fehler machen.
Kinder haben das Recht, von den Erwachsenen zu erwarten, dass sie sich darum bemühen, diese Fehler auszuräumen und wieder gut zu machen.

Janusz Korzcak hat auch davon gesprochen, dass Kinder das Recht auf den heutigen Tag haben. Das heißt, dass ihnen eigene Zeit zum Leben bleiben muss, jeden Tag. Zeit, die selbst gestalten werden kann. Wir sprechen nie davon, denn es ist ein Tabu: auch für ein Kind ist das Leben am nächsten Tag, in der nächsten Stunde, nicht garantiert, deshalb muss es bereits heute das Recht haben, das Leben wirklich zu leben, es darf damit nicht auf später vertröstet werden.

Kinder haben deshalb auch das Recht darauf, die Schönheit und Geheimnisse der Welt zu entdecken und die wilde Freude darüber, lebendig zu sein.

Janucz Korczak betonte daher, dass Kinder das Recht haben, Kind zu sein. Unordnung zu stiften. Zu lachen. Laut zu sein. Schmutz zu machen. Unbequem zu sein. Zu denken.

Kinder haben daher ein Recht darauf, dass Räume erhalten bleiben, in denen dies überhaupt möglich ist.

Räume, in denen die Kinder willkommen sind und ernst genommen werden. Räume in öffentlichen Gebäuden, die Kindern und jungen Menschen gewidmet sind und in denen sie sich angstfrei und geschützt aufhalten können, insbesondere dann, wenn in sie in diesen Gebäuden auf Entscheidungen warten oder an Entscheidungen mitwirken müssen, die sie betreffen.

Zuletzt muss ich darauf hinweisen, dass wir Erwachsenen den Kindern diese Rechte – weltweit – nicht aus reiner Großzügigkeit einräumen, sondern weil wir uns wünschen, dass unsere Kinder, die Erwachsenen von Morgen, sich für eine freie, gerechte und friedliche Welt einsetzen werden, eine lebenswerte Welt.

Denn die Gesellschaft, die ihre Kindern keine Freiheit lehrt – und das geht nur durch Handeln – wird keine Freiheit kennen.

Wer als Kind nicht mit Respekt behandelt wurde, wird es später schwer haben, andere mit Respekt zu behandeln. Wer als Kind nicht offen geliebt wurde, wird es später schwer haben, Wege zu finden, Liebe zu zeigen.

Wer als Kind ungehört blieb, wird vielleicht später Gerechtigkeit außerhalb des freien, demokratischen Systems suchen, das keinen Platz für die Fragen des jungen Menschen hatte.

Und daher benötigen wir diese Rechte nicht nur auf dem Papier: denn das Gesetz ist wie eine Partitur, die sich erst entfaltet, wenn sie gespielt wird.

Wir dürfen uns daher nicht damit zufrieden geben, dass wir diese Rechte niedergeschrieben haben, wir müssen sie auch leben und ausfüllen.Wir müssen sie zuallererst auch in unserer Erwachsenenwelt glaubhaft darstellen.

Und das kann auf Seiten der Erwachsenen nur dadurch geschehen, dass sie sich nicht nur an den Buchstaben, sondern auch an den Geist halten, der die UN Kinderrechts-Konvention ins Leben gerufen hat, und die Worte der Konvention entlang von Begriffen auslegen, mit denen sich die Juristen infolge ihrer Unbestimmtheit manchmal schwer tun, aber ohne die es kein gerechtes Gemeinwesen und keine gerechte Gesellschaft geben kann:

Liebe, Vertrauen, Respekt und Vernunft.

Alles andere folgt.
Diese Rechte gelten für alle Kinder. Art. 1 UN Kinderrechtskonvention

Monster.Kunst.Kinder.Rechte

Monster.Kunst.Kinder.Rechte im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz

IMG_3504Kinderrechte sichtbar machen und Aufklärung über Recht zu verfolgen: In meinen Workshops zur UN Kinderrechtskonvention anlässlich der Ausstellungseröffnung Monster.Kunst.Kinder.Rechte.  im Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz thematisierten SchülerInnen der achten und neunten Klasse Themen wie Gleichbehandlung, Datenschutz und Konfliktlösung sowie politische Teilhaberechte. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer legten ihre Positionen auf eloquente, beeindruckend reflektierte Weise dar. Aufklärungen über Recht sollten als demokratische Grundbildung Teil der Lehrpläne an allen Schulen sein.

In der Ankündigung des Bundesjustizministeriums heißt es:

“Mit ihrer Ausstellung zeigt die Künstlerin Inger-Kristina Wegener, dass Rechte nicht immer auf Papier gedruckt werden müssen. Stattdessen machen 41 farbenfrohe Monster als etwas andere Botschafter die 41 Artikel der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen sichtbar – kleine Monster, die Fragen stellen, die spielen und malen und etwas lernen wollen. So schafft sie es, mit Kunst nicht nur die Rechte zu visualisieren, sondern auch für Kinder verständlich zu machen.

Bewusst hat sich die Künstlerin und Juristen dazu entschlossen, die bunten Monster auf Kakaojutesäcke zu malen. Beklebt wurden sie außerdem mit kleinen Zufallsfunden wie Murmeln, Pinseln oder Buntstiften. Das macht nicht nur die kleinen Ausstellungsbesucher neugierig und regt zum Nachdenken an. „Die Monster erinnern uns daran, dass Kinder Rechte haben, die wir Erwachsenen schützen und achten müssen“, betont Heiko Maas in seiner Eröffnungsrede. „Das geht aber nicht über die Köpfe der Kinder hinweg. Deshalb ist es wichtig, dass sich Kinder einmischen dürfen, Fragen stellen und aussprechen können, was sie bewegt.“

Als erste Besucher konnten die Kinder der ersten und vierten Klasse der Grundschule am Brandenburger Tor einen Blick auf die Ausstellung werfen. Dass sie ihre Rechte kennen, demonstrierten sie dem Minister Heiko Maas und allen Gästen mit ihrem Kinderrechte-Rap. Aber auch ohne große Worte konnten sich die Schülerinnen und Schüler Gehör verschaffen – mit einer pantomimischen Darstellung der Kinderrechte.”

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Silence

Keeping watch. It was strange to be quiet, just watching. It occurred to me that most of the time we are actively doing something, except for the few moments when we are waiting in between scheduled activities. But even waiting, to be precise, is a form of activity. It is seldom that we just empty our minds. I said I was keeping watch that night, and that was true, but I wasn’t really waiting for anything to happen. Of course I expected the hatchlings to start moving around in the tank at some point, but I was not impatient for that moment nor was my wish to see them swimming the reason for my sitting at the desk. There was a moment when I realized that I was not, indeed, waiting. There was something else I had to do. I had to try to comprehend the reality of what was happening right here, in my room, on my ordinary student desk, before my very eyes. And in order to understand that this was real, not a fantasy, not a dream, I needed to sit still and open my mind.

It is difficult to describe how time changes when you stop. Just stop. I thought then I knew that time was space, a blue space in which I was suspended like the hatchlings in their green world. Time was a wide room with neither up nor down, neither front or back. As I sat in the night, the world that was not human started whispering in a multitude of voices. I thought of my little sister. Did she still hear these voices? Was she awake to all of this?

I listened to the slight hissing sound the radiator valves produced, to the occasional car engine, I listened to the night in front of my window, the rustling of branches, I thought I even heard the rook shifting feet in its watchful sleep. The red stone in my tank glowed silently, and even the silence had a sound to it because I was in the silence.

phantastisches Lexikon der Meere – q

quallenhumanoide,q.h., eine aquatische spezies,die eine deutliche physiognomische ähnlichkeit mit menschen aufweist. anders als menschen verfügen q.h. allerdings weder über ein endo- noch ein ektoskelett und leben deshalb ausschliesslich in aquatischen biotopen, wo sie sich – ähnlich quallen – von den meeresströmungen tragen lassen. das einzelne exemplar scheint trotz seines humanoiden erscheinens über ähnlich reduziertes bewusstsein und intelligenz zu verfügen wie die bereits angeführten quallen. in der gruppe allerdings, insbesondere bei der jagd, zeigt der q.h. ein erstaunlich kooperatives sozialverhalten, das den anschein einer steuerung der gruppe durch eine externe intelligenz nahezulegen scheint. sichtungen der spezies sind extrem selten, im wesentlichen sind die bekannten fakten auf den fund von einzelnen exemplaren in den schleppnetzen der hochseefischerei zurückzuführen, wo sie offenbar recht elend durch das gewicht des fanges im netz unmittelbar zugrunde gehen. seeleute halten den fund eines solchen kadavers für ein äußerst schlechtes omen und sind selten (und nur nach erheblicher alkoholverabreichung) dazu zu bewegen, über diese funde zu sprechen. es steht zu vermuten, dass die meisten kadaver unmittelbar in das meer zurückgeworfen werden und die fanggründe für einige zeit vermieden werden. die wenigen taucher indes, welche das glück hatten, die (karnivoren) q.h. im wasser zu beobachten, berichten von einer unfassbaren, gelassenen anmut ihrer bewegungen, der schimmernden transluzenz ihrer haut und einer seltsam, verführerischen, floralen schönheit, die allerdings nicht zuletzt der anlockung von beute zu dienen scheint. es steht zu vermuten, dass die mythen von meerjungfrauen und anderen humanoiden meerwesen von sichtungen der q.h. angeregt worden sind.

Das Kartenspiel – Es regnet

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Am Abend des vierten Regentages entdeckte Anna ein Deck alter Spielkarten in der Kommode in ihrem Schlafzimmer. Sie hörte Daniel in der Küche hantieren und über die Ausstattung der Schränke fluchen wie schon an den anderen Abenden. Robert hatte sich bereit erklärt, ins Dorf zu fahren, um Streichhölzer und mehr Wein zu besorgen. Bestimmt waren ihm auch die Zigaretten ausgegangen. Er hatte Daniels Volvo genommen, der Wagen war noch nicht zurück. Anna setzte sich auf die Fensterbank und ließ die Karten in einem soliden Block aus ihrer leicht vergilbten Schachtel gleiten. Sie hatte den größten Teil des Nachmittag verschlafen, nur einmal war sie kurz erwacht, weil Daniel und Robert ihre Stimmen erhoben hatten, und sie hatte gelauscht, aber sie hatte nicht hören können, ob sie wieder gestritten, oder ob sie sich einfach über Politik oder Sport unterhalten hatten. Eigentlich kam es auf dasselbe heraus. Anna seufzte. Immerhin erwarteten sie nicht von ihr, Stellung zu beziehen. Sie überlegte, ob sie einfach in der Jeans und dem weißen T-Shirt, in denen sie den Nachmittag auf dem Bett gelegen hatte, zum Abendessen gehen oder noch duschen und sich umziehen sollte, und mit nassem Haar zum Essen erscheinen. Noch zwei Abende mit Daniel und Robert. Es war idiotisch, dass sie nicht in Betracht gezogen hatten, dass es auch regnen könnte. Das Haus verfügte, anders als jenes, das das Institut ihnen im Winter zur Verfügung gestellt hatte, über keine Bibliothek. Vor dem Einschlafen hatte Anna sich wieder in das einzige Buch versenkt, das sie mitgebracht hatte. „This is the story of how I fell in love with a woman who read me a specific story from Herodotus.“ Was für ein wunderbarer Satz, dachte sie,der Anfang einer Geschichte, der Anfang einer Liebesgeschichte, aber tatsächlich verborgen inmitten der Erzählung. Wie deutlich der Erzähler sofort vor Augen steht, ohne dass wir jemals mehr ueber ihn erfahren müssten. Nicht: „ … who read me a story by Herodotus“, sondern „ … who read me a specific story by Herodotus.“ Dieses eine Wort, “specific”, in seiner Reserviertheit, seiner Arroganz, beschreibt den Unterschied zwischen Gemeinplatz und Begehren, zwischen Roberts schnodderigem Alltagsrealismus und Daniels hedonistischer Phantasterei, wobei es Robert war, der Begehren in seinen Geschichten inszenieren konnte und Daniel, der ihm dieses Talent neidete und lange nichts mehr veröffentlicht hatte. Anna spielte abwesend mit den Karten und warf den Pack schließlich auf das Bett. Die Karten fächerten sich auf. Sie betrachtete sie nachdenklich. Ein Kartenspiel. Ein Kartenspiel, das die offene Frage entschied, die sie alle drei beschäftigte.

Not Praying in Auschwitz

April, 19th, The day of the Warsaw Ghetto uprising and April 27th, Holocaust Remembrance Day – in memory of Janusz Korczak, 1878, Warsaw – 1942, Treblinka. I also remember my friend Jacob Lofman, 1911-2002, a Polish-born photojournalist and an intellectual force who maintained a lifelong interest in Jewish history and culture, a man who was kind and generous enough to share some of his memories and wisdom with me, a German expatriate at the time we met (1997). Jacob would have liked this article “Not Praying in Auschwitz”. Thank you, Jacob, it was a true privilege to sit in your kitchen and have tea with you.

Recherche du temps perdu

Als K sich nach ihrem Lauf auf die Bank setzt, um ihre Schuhe wieder anzuziehen, sitzt dort die Vogelfrau. Zu ihren Füssen haben sich Tauben und graue Eichhörnchen versammelt, die sie mit kleinen glucksenden Lauten aus einer spitzen, braunen Papiertüte mit Vogelsaat füttert.

Es bedarf nur eines Grußes, einer freundlichen Frage, How are you today, Madame?, und die alte Dame, die selbst wie ein Vogel aussieht, lehnt sich weit in ihre Vergangenheit, erzählt aus ihren Tagen als Gouvernante für den Nachwuchs einer Botschafterfamilie in der Upper East Side, rezitiert beliebige Passagen aus Proust auf Französisch wie Stellen aus einer heiligen Schrift. Sie kann sich nie an K erinnern. Ihre Geschichte ist bereits vollendet, neuen Gestalten bleibt der Eintritt verwehrt. In der Gegenwart der Vogelfrau gibt nur noch die Vögel und die Eichhörnchen. Aber aus der Vergangenheit  erzählt sie mit feiner Dramatik und lebendigem Vokabular. Während sie aus der „Recherche du temps perdu“ rezitiert, scheint es, als lese sie fortwährend aus einem der Bände des Werkes, um an beliebiger Stelle eine Passage in flüssigem, eleganten Französisch mit einem Zuhörer zu teilen.

Heute steckt die kleine Dame zum Schutz gegen die Kälte tief in einem dicken, lammfellgefütterten Ledermantel, einem Ungetüm von Tierhaut, aus dem ihre dünnen Beine in Wollstrümpfen wie zwei Stöcke hervortreten. Wären da nicht die schweren Stiefel, die sie fest auf dem Boden verankern, würde das Gewicht des Mantels es ihr wahrscheinlich unmöglich machen, sich wieder von der Bank zu erheben. Ihr langer, selbstgestrickter Schal aus feinen, fusseligen Garnen organisiert sich zu einer Doppelhelix handgearbeiteter Erinnerungen. Ihre kindliche Pudelmütze indes ist wie ein einfaches Symbol für die Zeit, die vergeht, ohne dass man es je recht begreifen kann.

Ein jeder Mensch ein tiefer See flüssiger Zeit. Bei den meisten Menschen ist die Oberfläche durch die Gegenwart und das Ich getrübt, die endlose Geschäftigkeit. Aber bei der Vogelfrau liegt das Wasser jetzt klar und ruhig, und alles, was geschehen ist, und alles was ist, und alles, was geschehen werden wird, ist sichtbar. Für einen Augenblick überlegt K, dass die Vogelfrau unter ihrem schweren Mantel wohl einen Glaskörper verbirgt.

Heute lächelt sie der Vogelfrau nur freundlich zu und verabschiedet sich mit einem einfachen „Good bye, Madame. Have a lovely day!“, sobald ihre Schuhe gebunden sind. Es ist zu kalt zu bleiben, sie kann bereits spüren, wie der Schweiß auf ihrem Rücken eisig wird. Als K sich zum Gehen anschickt, antwortet ihr die kleine Dame – wie jeden Tag –mit einer Passage aus Proust. „J’implorais mes parents, qui, depuis la visite du médecin, ne voulaient plus me permettre d’aller à Phèdre. Je me récitais sans cesse la tirade: On dit qu’un prompt départ vous éloigne de nous … – au revoir, Mademoiselle.”

Potsdam, royal gardens

Foto 5on a green bench in the royal gardens in potsdam, the remnant of a shadow, watches pleased, very pleased indeed,  two fools talking the day away, urgently weaving their voices together, staring distractedly into the glimmering brook, laughing, disagreeing, reconciliation following suite like the sun breaking through clouds, ignoring the ticking of the small silver watch, but the remnant fingers his watch with a grin, time has no meaning and no hold for 11973 seconds and then, on fast forward, returns with a deafening rush.

Jacob Lofman

Er wartete in der geöffneten Tür, wobei er sich einige Momente gedulden musste. Der Hund bewegte sich ohne Leine und mit gesenkter Nase im Zick-Zack über den Gehweg. Endlich kamen alle drei zur Tür, und Jacob beeilte sich, sein vom Warten ein wenig erstarrtes Lächeln wiederzubeleben. Guten Abend, meine Herrschaften, sagte er, das milde Erstaunen in ihren Gesichtern genießend. Die Frau belohnte seine Anstrengung mit einem abwesenden Lächeln und einem leicht britisch gefärbten “Good evening” (als sähe sie freundlich über seinen faux-pas, sie auf Deutsch anzusprechen, hinweg), während der Mann, ebenfalls nur mäßig interessiert, den Gruß auf Deutsch erwiderte. „Guten Abend, Sie sprechen Deutsch“, nicht fragend, nicht ermutigend.

„Sie sind überrascht, nicht wahr“, sagte Jacob dennoch, „ja, Sie sind überrascht. Sie kommen doch aus Deutschland. Berlin, nicht wahr?“

„Ja“, bestätigte der junge Mann. – „Ich kenne Berlin“, sagte Jacob, „aber das ist lange her.“ „ Sie sind ja noch jung“, fügte er hinzu.

Er stand im Türrahmen. Der Hund drängte sich an ihn und wedelte mit dem Schwanz. Die Frau lächelte immer noch und übernahm die Tür. Jacob ignorierte die unausgesprochene Aufforderung, Platz zu machen, und lachte. „Ja, sie sind jung und wissen nichts, nicht wahr. Die jungen Leute von heute haben keinen Sinn für Geschichte, no time, no interest, right. Wissen Sie denn zum Beispiel, wo das Gründungstreffen der sozialdemokratischen Partei in Deutschland stattgefunden hat? Wissen Sie? Das müssten Sie doch eigentlich wissen als Deutsche“. „Eisenach“, erwiderte der Mann. Der Hund drängte sich ungestüm an Jacob vorbei in den Vorflur. Jacob gab nach und trat aus dem Weg. „Ja, sieh einer an“, sagte er, „sieh einer an“. Er folgte den jungen Leuten ins Haus. Zusammen standen sie für einen Augenblick schweigend vor dem Aufzug.

. „I saw the movers bring in your book shelves yesterday“, sagte Jacob schließlich, um das Gespräch wiederzubeleben. „You must have brought many books“. „All of them“, erwiderte die Frau, jetzt mit stärker ausgeprägtem, deutschem Akzent. „I wouldn’t want to be without them“. Sie schwiegen erneut. Der Aufzug kam und sie drängten sich umständlich hinein. Jacob drückte fünf und sieben. „Thank you“, sagte der Mann höflich. Jacob ließ sich durch die Förmlichkeit nicht aus der Ruhe bringen. Jetzt hatte er noch fünf Stockwerke, um etwas in Erfahrung zu bringen, das Madison noch nicht wusste. „Ich bin Jacob Lofman“, eröffnete er das Gespräch als sich der Aufzug mit einem schwerfälligen Ruck in Bewegung setzte. „Ich lebe hier seit vierzig Jahren. Wenn Sie was brauchen, müssen Sie mich fragen. Fünfter Stock. Ich habe immer Zeit. Meine Frau, Rivke, ist im letzten Herbst gestorben. Jetzt habe ich viel Zeit“. Er schwieg. Der Aufzug kam abrupt zum Stillstand. Die Metalltüren knirrschten zurück. Jacob öffnete die äußere Tür.

„I am sorry“, sagte die junge Frau, das tut mir wirklich leid. Jacob schluckte. „Ja“, sagte er langsam, unwillig die Tür gehen zu lassen, „jetzt müssen Sie mir aber auch Ihren Namen sagen, und wer ihr Lieblingsschriftsteller ist, wo Sie doch all diese Bücher mitgebracht haben“. „Heine“, erwiderte die Frau eine Nuance wärmer, „und mein Name ist Imogen, und das ist mein Mann Andreas“. Andreas nickte mit dem Kopf. Imogen überlegte einen Augenblick und fügte hinzu: „Und Nabokov, natürlich. Speak, Memory, I love Speak, Memory“. Der Mann, der als Andreas vorgestellt worden war, sah nicht aus, als wolle er seine literarischen Vorlieben mitteilen. Der Köter hechelte in der unklimatisierten Aufzugkabine. In einem anderen Stockwerk begann jemand, mit einem Schlüsselbund gegen die Aufzugstür zu klappern. „No time“, seufzte Jacob, „time is money for you young people, right?“ Er konzentrierte seine Bemühungen auf die junge Frau, Imogen. „Nabokov“, erwog er, das metallische Stakkato, das durch den Aufzugsschacht schepperte, ignorierend, „Nabokov is good, of course, very good, but Heine, why, meine Frau liebte Heine, meine Frau knew Heine by her heart. Heine, das ist ausgezeichnet“, strahlte er. Das Scheppern wurde dringlicher. „Sie müssen kommen“, drängte Jacob, „kommen Sie zum Tee. Jederzeit. Anytime. Auch allein. 5F“. Er lächelte, seine Augen hinter fetten Eulengläsern blitzten. Er hatte seine Niedergeschlagenheit vergessen. „Heine“, ausgezeichnet, lachte er zufrieden.

Jemand schlug mit der Faust gegen die Aufzugtür, dass es dumpf im Schacht hallte, und begann vernehmlich zu fluchen. Jacob seufzte. „No time, right“, murmelte er. „Ich lasse Sie jetzt gehen, Sie können ja nicht den ganzen Verkehr aufhalten. Kommen Sie lieber zu mir nach Haus, 5F, kommen Sie zum Tee“, rief er, während die Aufzugstür zufiel, und die Metalltüren zuknirschten.

„Heine, ganz ausgezeichnet“, rief Jacob in den leeren Hausflur und drückte auf den Knopf, um den Fahrstuhl zu zurückrufen und sich endlich auf seinen Abendspaziergang zu begeben. Vielleicht würde er dem alten Madison im Park begegnen.

The Declaration of Independence – excerpt from my new novel in writing

You mean, I said slowly, that you use your freedom to decide whether you want to be bound by the rules of your congregation?

Fiona looked at me strangely. She thought for a good moment, looking around in the tidy cottage of the church elder everyone respected. I know Aunt Melissy sometimes takes apprentices from the outside, she answered slowly and I realized that I had said “you” as if this congregation was – as it was – strange to me in custom. I didn’t answer but instead busied myself with pouring the boiling water over the herbs in the old teapot. My mind didn’t race. It was clear and slow as was the girl who observed my every move. When she realized that I wouldn’t comment she started talking again, carefully weighing her words. Freedom, she said, I guess at some point in history that meant to do whatever you want. Whenever you want to do it. I looked at her, dressed in her plain farmgirl Sunday best dress. She surprised me, too. Must be wonderful, Fiona said, to do as you wish only. Of course, out here it would leave you and others hang out to dry. We all depend on each other. Especially now. She talked much like a girl of my own time.

I considered what she had said. She didn’t really answer my question about the contract. But she had given me her own definition of freedom. It was very simple. Do as you wish whenever you feel like it. That was the measure of my time. And for good reason, too. Though it was not truly like that. I had to go to school in my time, too, no discussion. My mother had to pay the mortgage for our house, my outdoorsy father had to spend most of his life indoors in an office to make the kind of money he needed to support the life he thought he was expected to live and also fulfill his obligations towards his children, his ex-wife and his new wife. My parents could not just walk out on us kids without breaking some kind of social contract and “freedom” would not be accepted as an excuse. They could walk out on us in the same way Fiona’s mother could saddle a horse and take off but just like Fiona’s mother they wouldn’t do it. Personal freedom featured fairly low when it came to their life decisions. Yes, my father left the family and had married again. But he still went to that office and in some way nothing really had changed all that much as far as I cold see, just that he had exchanged some of the people in his life for others. It made me angry thinking of it but it didn’t change that he still cared for us. As for my mother, yes, she painted day and night but she was still preparing disgustingly healthy meals for us and made sure we in turn were keeping up with our duties. I mean, she phrased it differently but it meant just that. She wanted us to find out what was right for ourselves but if you took a wrong turn, she annoyingly already waited for you behind the corner. Freedom – what did that really mean even in my world?

I decided to try out something else on the girl. I set the mugs out in front of our places and slid into the bench right next to her. She had already cupped her hands around her mug and enjoyed the warmth of the ceramic. I did the same with my mug. The steam rose up to my face. Warmth in winter was a luxury in early 19th century Vermont. Then I recited into the steam just as I had in class: We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness. The Declaration of Independence. 1776. I looked into the dark ceramic mug. Then I added: “A free man is he that in those things which by his strength and wit he is able to do is not hindered to do what he hath the will to do”, Thomas Hobbes, another one of my father’s favorites. I took a sip, too hot, and I waited for Fiona to reply. This was the strangest conversation I had ever had. Two girls in farmdresses. Fiona looked at me. Exactly she answered. But freedom is not ‘A liberty for everyone to do what he likes, to live as he pleases, and not to be tied by any laws.’ Freedom is constrained by laws in both the state of nature and political society. Freedom of nature is to be under no other restraint but the law of nature. Freedom of people under government is to be under no restraint apart from standing rules to live by that are common to everyone in the society and made by the lawmaking power established in it.” I admit I stared at her. She laughed. My mother has permission to train me, she said. I didn’t know, Aunt Melissy did the same with you.