Der Himmel über Berlin

 

Ich kam etwa zwei Stunden zu spät auf der Party an. Niemand hatte mich vermisst. Statt der üblichen Spende von Alkohol hatte ich zwei Männer zum Gelingen des Abends mitgebracht, die ich in der U-1 auf dem Weg hierher getroffen und kurzerhand überredet hatte, mich zu begleiten. Einer war ein Münchner namens Gregor, der kurz davor stand, sein Jurastudium abzubrechen und seine Wochenenden derzeit damit verbrachte, von einer Party zur nächsten zu driften.

Gregor wohnte zu seiner eigenen Verlegenheit in einer kleinen, für ihn erworbenen Eigentumswohnung seiner Eltern in Dahlem und war auf dem Weg nach Hause gewesen. Ich hatte ihn bereits seit einigen Wochen nicht mehr in der Uni gesehen. Ich mochte ihn. Er erwiderte mein Interesse nicht, aber wir gingen  gelegentlich zusammen ins Kino. Man konnte gut mit ihm reden, wenn er nüchtern war. Er war ziemlich belesen. Zuletzt hatten wir zusammen  „Brazil“ OmU von Terry Gilliam gesehen. Das war schon wieder einige Monate her. An diesem Abend in der U-Bahn waren Gregors Pupillen ziemlich schwarz und sein Blick etwas entfernt. Er hatte seinen Arm nachlässig um die Schultern seines Begleiters gelegt. Einer hielt den andern aufrecht, oder sie hielten sich doch jedenfalls abwechselnd in der Gegenwart, die dem jeweils anderen sichtbar entglitt.

Gregors Begleiter trug eine Baseballjacke mit der Aufschrift „Texas Rangers“ und schien ein großer Schweiger zu sein. Gregor hatte zwar wenig offenkundige Begeisterung für meinen Vorschlag, mich auf Melanies Party zu begleiten, aber auch ebensowenig Widerstand gezeigt. “What the hell”, hatte er gemurmelt, aber mit bayrischem Akzent. “Sure.” Und dann: “Why not.” Gregor hatte ein Austauschschuljahr in einer Kleinstadt in Michigan verbracht. Er liebte und verachtete alles Amerikanische. Sein Begleiter war vorübergehend eingenickt, sein Kopf rollte mit den Bewegungen der U-Bahn sacht und vollkommen entspannt über seine Brust, aber Gregor schien davon auszugehen, dass wir die Zustimmung des Texas Rangers nicht brauchten.  Great.

Während der Ranger schlief, erzählte ich Gregor von dem Vortrag des Feinstrickpullis und selbsternannten Experten für nukleare Sicherheitsfragen vom Vormittag, den ich jetzt nur noch  „General „Buck“ Turgidson“ nannte, und den wir beide, Gregor und ich, schon im Zivilleben, als reiner Pulli, nicht gut hatten ertragen konnten, weil an dem Mann kein einziger originärer Gedanke zu entdecken war, er aber ununterbrochen aus zusammengebastelten Gedanken dozierte. Man konnte ihm nicht aus dem Weg gehen, er war gut darin, sich strategisch geeignete Plätze in der Wandelhalle zu suchen, bevor er mit seinen Vorträgen begann, wie ein Startenor, dem es darum geht, mit dem Klang seiner Stimme wirklich alle zu erreichen und zu beglücken. Er galt als ungemein klug. 

Ich dachte, ich könnte Gregor ein wenig aufmuntern, indem ich ihm eine kleine Impromptu-Performance der Szene in der Wandelhalle mit der Referenz aus Dr. Strangelove gab, die mir spontan in den Sinn gekommen war, Derartiges gefiel Gregor jedenfalls in nüchternem Zustand. Überhaupt gefiel ihm alles, was mit Film zusammenhing. Pasolini. Fellini. Gilliam. Zwischen Oktober 1985 und Mai 1986 hatte ich Dr. Strangelove in drei verschiedenen Kinos gesehen, zweimal davon mit Gregor.

Ich imitierte den General, aber nahm die typische, leicht bogenförmige Körperhaltung des Feinstrickpullies ein: „Mr. President, we are rapidly approaching a moment of truth both for ourselves as human beings and for the life of our nation. Now, truth is not always a pleasant thing. But it is necessary now to make a choice, to choose between two admittedly regrettable, but nevertheless *distinguishable*, postwar environments: one where you got twenty million people killed, and the other where you got a hundred and fifty million people killed.“ 

Ich gab eine überzeugende Darstellung, fand ich. Der Schweiger wachte auf, aber Gregor versäumte leider seinen Einsatz als President Merkin Muffley: „You’re talking about mass murder, General, not war!“ Der Schweiger betrachtete mich ausgiebig über den Gang hinweg, als sähe er mich jetzt zum ersten Mal, seine Augen wanderten über mich wie über eine unbelebte Oberfläche unbekannten Ursprungs und blieben mit mit einer etwas verstörenden Aufmerksamkeit  an den Details hängen, an meiner Nase, meinen Lippen, meinen Ohrringen, den Knöpfen meiner Jacke. Die methodische Weise, mit der er dabei vorging, gab mir das Gefühl, wie ein seltenes Insekt studiert zu werden. Die beiden waren offenbar auf demselben Trip. Ich ließ es gut sein und summte wieder „Try a little tenderness“. Ich war so angespannt, dass meine Haut kribbelte. 

Als wir am Studentenwohnheim Dahlemdorf, Gebäude 6, angekommen waren, folgten wir einfach der Musik, die durch das Treppenhaus geblasen wurde. Auf dem Weg von der U-Bahn hierher hatte sich herausgestellt, dass der Typ in der Baseballjacke tatsächlich ein Amerikaner aus Texas war. Gregor hatte mir anvertraut, dass er sich nicht erinnern konnte, wo er ihn aufgelesen hatte. Im Augenblick wirkte Gregor plötzlich recht nüchtern. Ich bedauerte wieder einmal, dass er nicht weiter studieren wollte. Es schien eine Verschwendung, dass einer wie Gregor sich plötzlich gegen das Studium entschied, das mehr Leute wie ihn und weniger vom Typ Feinstrickpulli gut vertragen hätte. Ich war überzeugt, dass er das Zeug zu einem guten Juristen hatte. Er hatte seine Klausuren mit einer gewissen nachlässigen Eleganz und ohne viel Aufsehens davon zu machen, sofort im zweistelligen Bereich geschrieben. Sein Vater war ein bekannter Richter in München, aber damit ging Gregor nicht hausieren. Ich vermutete,  Gregor wollte nicht wie sein Vater werden.

Im Treppenhaus des Studentenwohnheims kamen uns Leute entgegen, die bereits auf dem Weg zur nächsten Party waren und uns im Vorbeigehen aufforderten, uns ihnen anzuschließen. Der Amerikaner strahlte und folgte ihnen wie ein Hündchen , dem man einen neuen Stock geworfen hatte, nur um sich ebenso plötzlich doch anders zu besinnen und uns – oder jedenfalls Gregor – erneut hinterher zu stürmen, zwei Stufen auf einmal nehmend. Er  schob sich gleichzeitig mit uns durch die offene Wohnungstür. „Here we are,  here we are“, rief er in den Raum und fuchtelte mit seinem rechten Arm, als lehne er sich aus einem einfahrenden Zug. Ein paar Leute lachten. Gregor und ich grinsten einander an. Der Amerikaner machte sich ohne Zögern auf die Suche nach einem Bier.

Die Leute waren erwartungsgemäß überwiegend bereits ziemlich betrunken oder bekifft. Toni, der heute morgen in der Strafrechtsvorlesung neben mir gesessen hatte, hatte es irgendwie geschafft, sich auf ein Glas oder eine auf eine  Flasche auf dem Couchtisch zu setzen, die prompt unter seinem Gewicht zerbrochen war, und ließ sich gerade im WC bei aus Platzgründen geöffneter Tür von zwei Medizinstudenten die Splitter aus dem Hintern ziehen. Dafür hing er halb ohnmächtig über dem geschlossenen Klodeckel. Jemand erzählte, dass die Mediziner auf die Idee gekommen waren, die Schnittwunden mit Wodka zu desinfizieren. Toni selbst war so betrunken, dass weitere Maßnahmen zur Betäubung nicht erforderlich waren.

Von dem Couchtisch führte eine Blutspur  über das Linoleum bis ins Bad. Die Scherben auf dem Tisch waren aber erstaunlicher Weise fortgeräumt worden. Die Party ging weiter. “Der muss genäht werden”, rief einer der Mediziner aus dem Bad. “Das blutet ja wie Sau. Wer bringt den jetzt ins Krankenhaus?” 

“Zu mir kommt der nicht ins Auto”, antwortete ein anderer unvorsichtiger Weise im Vorübergehen, “der versaut mir die Polster.” Ah, Philipp. Unkluge Bemerkung. Die Mediziner schleppten Toni aus dem Bad zurück ins Zimmer und deponierten ihn vorübergehend bäuchlings jetzt zwischen Sofa und Couchtisch auf dem Linoleum. Dann nahmen sie Philipp ins Kreuzfeuer, der immer wieder den Kopf schüttelte. Die Jungs hatten Tonis Jeans wieder hochgezogen, aber der Hosenboden war zerschnitten und blutgetränkt. “Das sieht echt scheiße aus”, stellte ein dritter Mediziner fachkundig fest, den können wir hier doch nicht so liegen lassen. Philipp geriet zunehmend unter Druck, aber leistete noch Widerstand. Der Mann liebte sein Auto. 

Der Amerikaner stand ebenfalls mit einer Bierflasche in der Hand über den Couchtisch hinweg über Tonis Hintern gebeugt und begutachtete ihn ebenso konzentriert wie er vorhin in der U-Bahn mein Gesicht betrachtet hatte. Dann richtete er sich auf und sagte begeistert: „This guy busted his ass“, als sei dies eine unglaubliche Entdeckung. Er hatte Spass in Berlin, das konnte man deutlich sehen. Er richtete sich auf, brauchte einige Augenblicke, um sich wieder im Raum zu orientieren, und schob sich zurück in die Küche, um sich ein neues Bier zu holen.

Die Mediziner bearbeiteten Philipp weiter. Schließlich würden sie eines Tages das Genfer Gelöbnis ablegen. Sie waren entschlossen, Toni zu retten. Vielleicht hatten sie es aber auch nur mit der Angst zu tun bekommen, nachdem ihre Wodka-OP nur zu einer Verstärkung der Blutung geführt hatte. Schließlich gab Philipp auf, holte seine Pilotenjacke und zog die Schlüssel für seinen Golf GTI aus der Hosentasche. Ich war sicher, dass ihm das Herz mindestens ebenso blutete wie Tonis Hintern.

Die Mediziner holten ein Handtuch aus dem Bad und eine Aldi-Plastiktüte aus der Küche, um Philipps Polster zu schützen und zogen Toni  mit einiger Mühe vom Boden hoch. Philipp ging fluchend voran und die beiden Medizinstudenten folgten mit Toni, indem sie sich jeder jeweils einen seiner Arme um den Hals schlangen. Toni hing zwischen ihnen und schritt teils wie eine Marionette mit hölzernen Schritten mit, teils wurde er von seinen Samaritern über den Boden geschleift. Er verlor mit jedem Schritt Blut aus dem Hosenbein und trug ein Grinsen im Gesicht, das irgendwo zwischen Schmerz und Heldentum eingefroren war. Ich fragte mich, ob er sich morgen daran erinnern würde, wie er zu seinen Verletzungen gekommen war. Heute Mittag hatte er traurig in den strahlenden Himmel geblickt und dann festgestellt, dass es jetzt Zeit zum Feiern sei. Wenn die Welt schon vor die Hunde ginge, müsse man feiern, verdammt.

Melanie,  die Gastgeberin, die einen spektakulär flauschigen, engen roten Pullover trug, tanzte von allem und allen unberührt, vollkommen in sich selbst versunken in der Mitte des Raums, verfolgt von den trägen Blicken mehrerer Typen, die  an den Wänden am Boden saßen, aber zu bekifft oder zu betrunken waren, ihre offensichtlichen Gedanken in Taten umzusetzen. Es stellte sich heraus, dass es sich  bei der Party um Melanies Geburtsparty handelte. Ich bereute, dass ich gekommen war. Der Umstand, dass dies eine Geburtstagsfeier sein sollte, machte den Tag noch bedrückender. Meistens vermied ich Parties, für die eine Generaleinladung durch die Wandelhalle ging. Die Alkoholexzesse der Juristen und der Mediziner auf solchen Parties, für die eigentlich niemand so richtig zuständig, auf die niemand wirklich persönlich eingeladen war, nicht einmal die Leute, die es waren, waren Legende, aber ich hatte den Abend nicht allein verbringen wollen. Ich hatte vor allem nicht weiter über den strahlenden Himmel nachdenken wollen.

Über den Mangel eines Geschenks für die Gastgeberin brauchte ich mir allerdings keine Gedanken zu machen, denn Melanie, mit der ich übrigens nur sehr lose bekannt war, befand sich in einer anderen Sphäre, in welcher nur sie, der Kuschelpullover und ihre seltsam fließenden Bewegungen existierten. 

Die Leute, die das Zimmer durchquerten, gingen um sie herum wie um ein Möbelstück. Ihre beste Freundin  Rebecca saß auf dem Sofa, vor dem gerade noch Toni gelegen hatte, hielt ein Glas Weißwein in der Hand und war tief in ein Gespräch mit einem hübschen Philosophiestudenten versunken, der dafür bekannt war, auf Juristen- und Medizinerparties aufzutauchen und die Mädchen mit seinen  rehbraunen Augen ernsthaft anzublicken, ihnen nachdenklich zuzuhören und gelegentlich, tatsächlich ziemlich gekonnt, unaufdringlich Kommentare wie „Kants Imperativ“  oder “Es gibt kein wahres Leben im Falschen” in die Unterhaltung einzuflechten.

Die Juristen und Medizinerfachbereiche zogen vorwiegend Männer an, die sich gerne selber reden hörten und Frauen, die dieser Monologe zwar müde waren, aber nicht so müde, als dass sie die feministischen Positionen ihrer Müttergeneration auszuprobieren gewillt waren. Manche kamen überdies aus überzeugt bürgerlichen Elternhäusern, andere simulierten eine solche Herkunft recht überzeugend. Der Philosophiestudent nahm sich gekonnt des emotionalen Bedarfs der in ihrer eigenen Inertia von ihren Kommilitonen unterschätzten und zugleich intellektuell unterversorgten Studentinnen der fremden Fachbereiche an.

Erst im zweiten Stadium der Eroberung wurde der schöne Philosoph beredter und schöpfte aus einem (wie ich  zu anderer Gelegenheit  aus erster Hand in Erfahrung hatte bringen können) durchaus begrenzten Repertoire an literarischen und philosophischen Zitaten. Dann sprach er mit großer Ernsthaftigkeit und fein zurückhaltender Leidenschaft: „Wenn mir etwas von Hegel und denen, die ihn auf die Füße stellten, in Fleisch und Blut übergegangen ist, dann ist es die Askese gegen die unvermittelte Aussage des Positiven; wahrhaft eine Askese, glauben Sie mir, denn meiner Natur läge das Andere, der fessellose Ausdruck der Hoffnung, viel näher.“ Auf den bewundernden Blick seiner Gesprächspartnerin, der dieser Offenbarung folgte, gab er bescheiden seine Quelle preis: „Adorno natürlich. Aus dem Briefwechsel mit Thomas Mann. Aber besser kann man es nicht zu sagen.“

Das Zitat probierte er auch an Rebecca aus, es war einfach zu schön, um lange ungenutzt im Archiv zu stecken. Ich dachte: „Und  das, wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. Wittgenstein.“ Aber ich gönnte ihm seinen Erfolg; er arbeitete redlich dafür. Und die Begrenztheit seines Repertoires störte nicht, denn er fand immer wieder eine neue Zuhörerin. Ich hatte noch nie eine Klage über den schönen Philosophen gehört.

Von Zeit zu Zeit sah Rebecca zu Melanie hinüber, die weiter vor sich hin tanzte wie eine kaputte Puppe. Ob sie sich von dem Philosophen losreißen würde, um Melanie zu retten, wenn sich ihr jemand in ihrem trunkenen Zustand nähern sollte?  Ich versuchte noch einmal zu erinnern, wer mich eigentlich zu der Party eingeladen hatte. Wahrscheinlich war es Toni gewesen. Hatte er erwähnt, dass es sich um Melanies Geburtstag handelte?  Ich konnte mich nicht entsinnen. Ich war in den letzten Tagen abgelenkt, nahm nur ausschnittsweise am Geschehen teil. Der strahlende Himmel beschäftigte mich. Verdammt. Ich gab das Nachdenken auf, holte ich mir ein sauberes Glas aus dem Küchenschrank und öffnete eine unangebrochene Flasche Cola mit einem Zisch und schenkte mir ein. Dann stellte ich mich zu einer Gruppe von Leuten, die offenbar noch nüchtern genug waren, um miteinander zu reden, unter ihnen Gregor. 

Das Gespräch handelte zunächst vom Wetter, davon, wann der Regen kommen würde, und  schließlich, ohne rechten Zusammenhang davon, dass Westberlin sowieso eine Fiktion war. “Westberlin ist eine Fiktion, verdammt”, sagte Gregor mehrmals, “eine verdammte Fiktion”. Ich sah aus dem Fenster in den samtblauen, leuchtenden Nachhimmel hinter den gedämpften Partylichtern, die sich in der Scheibe spiegelten. Unsere Gestalten reflektierten sich in der Glasscheibe wie transparente Schatten von morgen.

Einer der Studenten, kein Jurist, war als Statist bei den Filmarbeiten zu Wim Wenders „Himmel über Berlin“ engagiert worden, und erzählte davon, dass er Peter Falk getroffen habe. Nun ja, beinahe getroffen. Eher ihn einmal im Vorbeigehen gesehen, also fast neben ihm gestanden hatte. Das ist ein cooler Typ, trotz seines Alters, schwärmte er. Gregor hing an seinen Lippen. „Nimmst Du mich das nächste Mal mit, fragte er den Statisten, wann gehst Du wieder hin? Suchen sie noch Statisten?”

Aber der Statist fühlte sich zwischen dem Stolz, dass seine Geschichte auf fruchtbaren Boden gefallen war, und der Anmaßung, dass Gregor dachte, er könne auch ohne weiteres als Statist ausgewählt werden, als sei das nichts Besonderes, als habe Peter Falk ihn , den Erzähler, nicht beinahe persönlich ausgesucht, weil er ein solches Charaktergesicht hatte, hin- und hergerissen. “Das geht nicht so einfach, wie Du Dir das denkst”, erwiderte er. “Da muss man sich erst einmal einfühlen, in die Zeit, verstehst du, da musst Du echt erst ein feeling dafür kriegen.” Aber ich sah Gregor schon an, dass er auf jeden Fall gehen würde. Er war jetzt ganz nüchtern und konzentriert.

Ich sah aus dem Fenster in den samtblauen, leuchtenden Nachhimmel hinter den gedämpften Partylichtern, die sich in der Scheibe spiegelten. Unsere Gestalten reflektierten sich in der Glasscheibe wie transparente Schatten von morgen. Wir waren schon heute unsere eigene Vergangenheit. Wann würde der Regen kommen? Machte es überhaupt einen Unterschied, ob eine nukleare Staubwolke in 10.000 Metern Höhe über uns hinwegzog, oder der atomare Staub hinabgewaschen werden würde? Und so lange es nicht regnete, machte es einen Unterschied, ob man sich in einem Gebäude oder draußen aufhielt? In der Scheibe redete ein anderer Gregor stumm auf einen anderen Statisten ein, eine andere Melanie tanzte in einem roten Pullover, obwohl dort, in dem parallelen Universum, keine Musik spielte, und die schemenhafte Gestalt, die ich selbst sein musste, mit dem hoch gebundenen Pferdeschwanz, immer noch in meiner Jacke, mit einem Glas Cola in der Hand, zwinkerte mir aus der Parallelwelt zu, als sei sie in ein anderes Buch aus Borges Bibliothek geschrieben, und der Himmel über Berlin in ihrer Stadt roch bereits nach Staub und Sommerregen. Und das war kein Anlass zum Fürchten. In ihrer Welt.

 

Ein strahlender Tag

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Der 2. Mai 1986, ein Freitag, war  in mehrfacher Hinsicht ein strahlender Tag in West- und in Ostberlin. Der Himmel war  strahlend tiefblau,  absolut wolkenlos. Am Morgen  dieses Tages wippte ich auf meinem Klappstuhl im Auditorium Maximum im Henry Ford Bau der Freien Universität Berlin, balancierte einen linierten Schreibblock auf den Knien und zeichnete mit einem sehr feinen schwarzen Filzstift (0,05-Spitze, Edding) in die Marginalien meiner Notizen, während ich der Strafrechtsvorlesung Prof. Dr. Hermann Bleis mit relativer Aufmerksamkeit folgte. Die Figuren, welche die Ränder meines Heftes bevölkerten, waren in Zillemanier ausgeführt und erfreuten auch meine Sitznachbarn, die von Zeit zu Zeit hinüber spähten und unterdrückt lachten. 

Die Vorlesung gab mir ausreichend Anregung zu meinen  karikaturistischen Zeichnungen. Prof. Blei bevölkerte seine Fälle mit misogynen Charakteren, an denen wir die Grundzüge des Strafrechts deklinieren lernen sollten. Der Prof. war ein bayrisches Urgestein, er dozierte nicht, er polterte. Die von ihm gebildeten Lehrfälle zeugten von einer unapologetischen Altherrenphantasie. Hier traf ein Zuhälter namens Himmelsstoss auf einen Gynäkologen  namens Prof. Dr. Frauenfeind, ein Zahnarzt trug den inspirierten Namen Dr. Deflorian. Der anzügliche Ton setzte sich bei den Frauennamen fort, hier agierten in unheilvoller und unappetitlicher Manier die Witwe Wüst und ihre Freundin, die Prostituierte Freudenreich, ihre kriminellen Neigungen an unschuldigen, schwächlichen Männern aus. Letztere wurden auch von einem Filmstar namens Busoni übervorteilt oder von diversen Ehefrauen zurechtgestutzt, welche sich Frau Emanz, Frau Freudlos oder Frau Unwirsch nannten. Deren – dem Personenstand naturgemäß freudlos – vermählten Ehemänner hießen Herr Sündermann, Herr Lüderjahn und August Geil. 

Für Prof. Blei gab es, dies schien die eigentliche Essenz dieser Fälle, nur drei Motive für jegliches Verbrechen, drei Motive, an denen wir Diebstahl, Betrug, Raub, Körperverletzung, Totschlag und Mord in allen qualifizierenden Varianten messen sollten, drei Motive, die für ihn offenbar das  gesamte übrige Leben, das strafrechtlich nicht relevante Menschengewimmel, umfassend und abschließend zu erklären vermochten. Geilheit, Geldgier. und Dummheit.  In beliebiger Reihenfolge. Die Fallbeispiele zum untauglichen Versuch, zum Irrtum über Rechtfertigungsgründe oder zum dolus directus und dolus eventualis, die dies veranschaulichen sollten, und welche ich in den Marginalien der Notizen zu seinen Vorlesungen illustrierte, waren in ihrer konstruierten stereotypen Abstraktion wie versteinerte Weltentheater in Streichholzschachteln. 

Prof. Blei, korpulent, Halbglatze, Hornbrille, war unter den Studenten und Studentinnen bekannt wie ein bunter Hund. Sein Ruf eilte ihn voraus und er arbeitete gewissenhaft und erfolgreich daran, ihn zu erhalten. Kommilitoninnen, die offensichtlich politisch engagierter waren als ich, und die sich über Prof. Blei (aber niemals, soweit ich erinnere, ihm persönlich gegenüber) letztlich zu Recht empörten und „Konsequenzen“ forderten, hielt ich entgegen, ich sei der Auffassung, man solle ihn doch vielmehr unter Denkmalschutz stellen und gewähren lassen. Soviel zur feministischen Solidarität. Der Prof. sei, so argumentierte ich und kam mir dabei geistreich vor, der Letzte einer aussterbenden Art, die neue Zeit stehe schon vor den Türen, und das könne und müsse gegenüber einem Fossil vergangener Tage wohl in gewisser Weise mild und versöhnlich stimmen. Nach Prof. Blei würden dann, das müsse uns klar sein,  nur noch solche kommen, die ihren Misogynie wesentlich besser zu verkleiden verstehen würden. Mit Letzterem sollte ich Recht behalten. 

Zwar gab es auch 1986 noch andere Profs, welche den Frauen in ihren Lehrfällen Namen wie „Berta Bummske (im folgenden: B)“ gaben, aber keinem von diesen gelang es wie Prof. Blei, auch seinen Kritikern wenn schon keinen Respekt, so doch jedenfalls von Zeit zu Zeit ein unwillkürliches Grinsen abzuringen. Das hatte weniger mit der Namensgebung in seinen Lehrfällen und seiner gesellschaftspolitischen Einstellung zu tun, als vielmehr mit seinem Gesamtauftreten,  das aus einem Guss war. Der Mann war ein wandelndes Kuriositätenkabinett, in seiner Menschen- und Frauenverachtung eine Art spezialisierter, überzeichneter Kästner, kurz: ein Gesamtkunstwerk. 

Die ZEIT hatte in einem im  juristischen Fachbereich wohlbekannten Artikel zwei Jahre zuvor Bleis „Kuriositäten“ als „aggressive, unangenehme Überschreitungen des üblichen juristischen Schenkelklopf-Humors“ bezeichnet.  Und doch: hier stand er vor uns, und fabulierte und dozierte mit unverminderten Geschmack an der Grenzüberschreitung weiter. Den änderte keiner mehr, keine Studentenkritik, die ihm die Fantasie eines dilettierenden Pornoschreibers in einer Fachpublikation attestiert hatte, keine Artikel in der ZEIT, auch nicht die Distanz feingeistiger Kollegen. 

Nicht diese Überschreitung, der mehr menschen- als allein frauenverachtende, aus dem Ruder gelaufene Kalauer, aber diese polternde Unbeirrbarkeit, unterhielten mich insgeheim. Den Mann zu mögen, war ein früher Fall von political Uncorrectness, dessen war ich mir bewusst. Ich hörte dem Urgestein angeregt zu, amüsierte mich und zeichnete. Ich war ziemlich gut in strafrechtlicher Dogmatik. Prof. Blei konnte man ohne weiteres zwei Stunden zuhören, nicht nur wegen seiner bayrischen Farbigkeit und ungezügelten Lust am Schlüpfrigen. Er war, so schien es, gern im Hörsaal, das traf nicht auf alle unsere Dozenten und Professoren zu. Prof. Blei, trotz politisch kontroverser Positionen, konnte Recht unterrichten. 

Wir saßen im Audimax, zwanzig Jahre zuvor das Zentrum der Berliner Studentenproteste. Die Achtundsechziger Studentenbewegung und ihre politischen Unruhen und Verwerfungen war ein Werk unserer Eltern, ihre Proteste in unseren Augen Diskussionen von gestern, derer wir müde waren. An der Universität Berlin herrschte jedenfalls unter den Studierenden der Rechtswissenschaft wieder beflissene, neutrale Strebsamkeit. Wir trugen blaue Rollkragenpullover und Perlenohrringe, und lächelten über Socken in Birkenstocksandalen. 

Dabei war Berlin war immer noch geteilt. Der Kalte Krieg dauerte an und wir waren mittendrin und nach zwanzig Jahren politischen Aufbegehrens unserer Eltern weitgehend ahnungslos. Der NATO-Doppelbeschluss, welcher die Aufstellung neuer mit Atomsprengköpfen bestückter Raketen und Marschflugkörper – Pershing II und BGM-109 Tomahawk – in Westeuropa vorsah, war trotz massiver Proteste der Bevölkerung nicht verhindert worden, und wir interessierten uns nicht weiter dafür. Joseph Beuys war im Januar desselben Jahres gestorben und mit ihm schien der letzte Wille zur leidenschaftlichen politischen Aktion endgültig zu Grabe getragen worden sein. Sein letztes Urteil über die Grünen: stinklangweilig!, beschrieb auch die neue Generation Studierender der FU. 

Wir waren stinklangweilig. Politik wurde wieder  in Bonn gemacht und wir mischten uns nicht ein. Auch an jedem strahlenden Morgen im Februar, pilgerten wir brav in unsere Vorlesungen, um zu erfahren, wie das Verhalten von August Geil gegenüber Berta Bummske strafrechtlich zu beurteilen sei. Ich saß in Prof. Bleis Vorlesung, zeichnete, ignorierte den strahlenden Himmel und tat so, als lebten wir nicht in einer Welt am Abgrund. 

Nach der Vorlesung war es fast Mittagszeit. Studenten strömten aus den Vorlesungssälen  des Henry-Ford-Baus Richtung Cafeteria im Hauptgebäude des Fachbereichs in der Van´t Hoff-Straße. Es war warm an diesem Maitag, und vereinzelt ließen sich Studenten wie gewohnt auf den Rasenflächen zwischen den Fachbereichsgebäuden nieder, aber die meisten mieden den verlängerten Aufenthalt im Freien und suchten zügig das Lehrgebäude in der Van´t Hoff-Straße auf.

Ich passte mein Tempo dem Strom von Studenten an, die zur Van-t-Hoff-Straße hinüberliefen,  diesem seltsamen trägen Tempo der Masse, das auf einer universellen Trägheit beruht. Im Fachbereich leerte ich mein Schließfach und setzte mich auf eine Bank in der Wandelhalle, um meinen  Schreibblock und meinen ziegelsteinschweren Schönfelder, eine fette Loseblattsammlung Deutscher Gesetze, in meiner Tasche zu verstauen. Ich wollte in nicht in der U-Bahn auf den ersten Blick als Jurastudentin erkennbar sein. 

Um mich herum standen Studenten in kleinen Gruppen, die das neue Vokabular der letzten Tage aneinander ausprobierten und über leicht flüchtige Isotope, Jod-131, Cäsium-137 und Strontium-90 diskutierten, als wären wir an der TU bei den Physikern. Niemand hier wusste, was diese Vokabeln tatsächlich bedeuteten. Vor vier Tagen, am 28. April, war in dem schwedischen Kernkraftwerk Forsmark aufgrund alarmierender radioaktiver Messungen Alarm ausgelöst worden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die radioaktive Wolke, welche sich über dem sowjetischen Kernkraftwerk Wladimir Iljitsch Lenin nahe der ukrainischen Stadt Prypjat nach einem offenbar katastrophalen nuklearen Unfall gebildet hatte, bereits über Polen und die baltischen Länder Richtung Skandinavien bewegt. Ebenfalls am 28. April hatte die sowjetische Nachrichtenagentur TASS erstmals kurz von einem „Zwischenfall“ beim Betrieb des Kernkraftwerks Tschernobyl, zwei ganze Tage zuvor, nämlich am 26. April, berichtet. Zu dieser Zeit hatte der „Zwischenfall“ wahrscheinlich bereits eine Aktivität von mehreren Trillionen Becquerel freigesetzt.

Der Himmel über Berlin strahlte. In den Medien herrschte milde bis ausgedehnte Desinformation, die in erster Linie der Beschwichtigung diente. Der Berliner Bürgermeister Diepgen ging persönlich Gemüse und Salat einkaufen, und ich überlegte, ob ich die Einladung zu einer Party im Studentendorf Dahlem an diesem Abend annehmen sollte. Der Himmel strahlte, aber für die nächste Woche war Regen vorhergesagt, welche den radioaktiven Staub in die Stadt hinunterwaschen würde. Zuvor aber ein sommerlich warmes Wochenende. 

Das tröstliche Wort „Zwischenfall“, übersetzt aus der kargen Meldung der Sowjets und aufgegriffen von deutschen Politikern und Nachrichtensprechern konkurrierte in den Diskussionen in der juristischen Wandelhalle mit dem weniger tröstlichen Begriff Wort Super-GAU, ebenfalls neu in unserem Vokabular.  

Das sei alles nicht so wild, kein Grund zur Panikmache, dozierte ein blauer V-Ausschnitt  über gestärktem Hemdkragen, drittes Semester. Zwischenfälle in AKWs seien im Szenario auslegungsüberschreitender Störfälle bereits vorhergesehen und es gäbe gute Notfallpläne. Er werde in nächster Zeit einfach nicht so viel frisches Zeugs essen. Unfälle seien bei der Auslegung kerntechnischer Anlagen und Prüfung der kerntechnischen Zulassung bereits anzunehmen, dies sei doch glasklar. 

Ich starre kurz hinüber. Die Selbstsicherheit, mit der der blaue Feinstrick-Pullover dies vorträgt, ist verblüffend. Innerhalb von vier Tagen ist er zum Experten für die nukleare Sicherheit in West-Deutschland und zu seinem eigenen Propagandaministerium avanciert. Er legt  seinen Zuhörern eindringlich dar, warum wir hier, in Westdeutschland und in Westberlin sicher sind, wir haben die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), eine technisch-wissenschaftliche Forschungs- und Sachverständigenorganisation mit rund 450 Mitarbeitern, davon mehr als 350 Wissenschaftlern. Deren Hauptaufgabe bestehe darin, die Sicherheit technischer Anlagen zu bewerten und zu verbessern und den Schutz von Mensch und Umwelt vor Gefahren und Risiken solcher Anlagen weiterzuentwickeln. 

Wie ein Echo zu seinen Worten höre ich General „Buck“ Turgidson aus Dr. Strangelove: „The Russkie talks big, but frankly, we think he’s short of know how. I mean, you just can’t expect a bunch of ignorant peons to understand a machine like some of our boys.“ 

Der Feinstrickpulli fügt nicht explizit hinzu, dass nukleare Strahlung sich auf den Kompetenzbereich der jeweils zuständigen Behörden beschränkt und an der Berliner Mauer geflissentlich und gehorsam kehrmacht, aber das ist die Essenz seiner Rede. Also, kein Anlass zur Sorge. Wenn ich mich auf der Party an den Rotwein halte, von denen manche meinen, dass er vor der Strahlenkrankheit schütze, und mich vom Salat fernhalte, bin ich auf der sicheren Seite. Jedenfalls bis der Regen kommt. Ich beschließe, auf die Party zu gehen, auch wenn ich keinen Rotwein mag.

Dennoch bin ich für einen Augenblick versucht, den Pulli nach der  Van-’t-Hoff-Gleichung aus der Thermodynamik zu fragen, die den Zusammenhang zwischen der Lage des Gleichgewichts einer chemischen Reaktion und der Temperatur bei konstantem Druck beschreibt. Das sollte für den frischgebackenen naturwissenschaftlichen Experten eine einfache Frage sein, da unser Fachbereich seine Postadresse in der Van-Hoff-Straße hat, und würde ihm erlauben, sein Allgemeinwissen ebenso glänzend auszuführen wie sein neues naturwissenschaftliches Vokabular, das offenbar aus der Berliner Morgenpost stammt. Er wäre mir sicher sehr dankbar für die Gelegenheit. Ich entscheide mich dagegen, schlinge mir meine Ledertasche um die Schultern und spaziere zum Ausgang, während ich „Try a little tenderness“ aus Dr. Strangelove vor mich hinsumme.

Ms. Liquid (Das Kartenspiel / Ausschnitt)

Hannah warf das Magazin auf das Bett und ärgerte sich. J. für Julian, dachte sie, D. für Daniel. F. für Hannah, einfach nur: Frau. Passend für jemanden, den Julian für seinen Protagonisten J. als eine Person ohne jeglichen körperlichen und geistigen Grundwiderstand beschrieb. Gegen ihren Willen empfand sie eine gewisse Achtung für den Umstand, dass Julian, wenn es auch die Abmachung verletzte, Kapital aus jenem Abend geschlagen, indem er das Geschehen kurzerhand in eine seiner Kurzgeschichten eingearbeitet hatte. Daniel hätte aus dem identischen Material eine seiner üblichen hedonistischen Phantastereien gesponnen (but then again Daniel would have never broken their, or for that matter any agreement), aber Julian war seinem politischen Alltagsrealismus treu geblieben. Dem Kritiker blieb natürlich verborgen, dass die Szenen in Julians Geschichten, die im allgemeinen als „schonungslos aufrichtig“ gefeiert wurden, sich durch erhebliche Auslassungen auszeichneten. Der Gebrauch des Wortes „onanieren“ war ausreichend, jeden einigermassen von seiner eigenen Souveränität überzeugten männlichen Rezensenten zu ein, zwei Worten gemessenen Lobes zu veranlassen. Hannah grinste. Julian hatte es schon immer verstanden, den Rezensenten Zucker zu geben. Dass D. in der Erzählung von J.s einsamer Beschaeftigung gewusst haben sollte, war bei näherer Überlegung doch eher unwahrscheinlich. Es war auch nicht Daniel sondern Hannah gewesen, die sich zu einer spöttischen Bemerkung hatte hinreißen lassen. Hannah erinnerte sich sehr genau an den Anlass. Auch an den Umstand, dass Julian die Tür zum Badezimmer nicht ganz geschlossen hatte. Wer Julian kannte, wusste, dass Zufälle in seinem Leben nicht vorkamen. Julian verstand sich auf die Kunst der sorgfältigen Inszenierung.
Seltsam, dachte Hannah, dass Julian, der eine solche Zärtlichkeit bei Frauen inspirierte, seinerseits derart aggressiv vorging, wenn er sich auf Eroberung machte. Seltsam auch, dass er sie, Hannah, jeglicher menschlicher Eigenschaft entkleidet hatte, als er daran gegangen war, den Abend in seiner Erzählung wiederzugeben. Als habe er sich vor ihr gefürchtet. Als habe er sich gefürchtet, sie als Person zu erinnern und in seine Geschichte aufzunehmen. „This is the story of how I fell in love with a woman who read me a specific story by Herodotus.“ Es ist nicht die Rede von Julian und Hannah. Nicht einmal ihren Namen hatte er ihr gelassen. Statt dessen erscheint F. in der Geschichte, oder Ms. Liquid, eine Frau zwischen zwei Männern, oder dreien, genau genommen, wenn man Jan mitzählt, dem die zweifelhafte Ehre widerfährt, namentlich erwähnt zu werden. Einmal. Erwähnt.
Fünf Flaschen Wein hatte Julian mitgebracht, als er wider Erwarten in aufgeräumter Stimmung zurück gekommen war, säuberlich in einem Karton sortiert. Genug, um die Stimmung anzuheben, Hemmungen zu senken, zuwenig, um sich ernsthaft zu betrinken. Sie waren zweifellos angetrunken gewesen, ebenso zweifellos nicht betrunken. Besonders Julian konnte wesentlich mehr vertragen. Hannah fragte sich, ob Julian sich beim Kauf des Weines bereits Gedanken über den weiteren Verlauf des Abends gemacht hatte. Er war in gereizter Stimmung gewesen, als er sich recht widerwillig bereit erklärt hatte, ins Dorf zu fahren, und sie hatte es für möglich gehalten, dass er das Angebot, die Besorgungen zu erledigen, zum Vorwand nehmen werde, um sich für den Rest des Abends absetzen. Es war ihm regelmäßig ein Leichtes, eine Einladung für einen Abend zu ergattern. Hannah erinnerte sich der jungen Frau, die offenbar als Saisonkraft in dem kleinen Laden arbeitete und sich zu langweilen schien, und die Julian bereits beim ersten Einkauf überaus zuvorkommend bedient hatte. Es hätte ihm ähnlich gesehen, jetzt auf die unausgesprochene Einladung zurückzukommen und sie, Hannah, mit dem missmutigen Daniel allein zu lassen. Der Gedanke, den Abend allein in Daniels Gesellschaft zu verbringen, so wie seine Stimmung gerade war, war ihr unbehaglich gewesen und sie hatte sich entschieden, zumindest den Nachmittag allein in ihrem Zimmer zu verbringen.
Nach dem Aufwachen hatte sie auf den ersten Blick aus dem Fenster gesehen, dass der Volvo immer noch fehlte. Julian in Daniels Volvo. Julian, der ausweislich seiner Geschichte nicht über die entfernteste Ahnung verfügte, was der hochrespektable Daniel in seinem vernünftigen Wagen, den Julian in seiner Geschichte so abfällig als Familienschüssel bezeichnete, so anstellte. Hannah lächelte. Julian zeichnete sich durch eine gewisse Faulheit und Phantasielosigkeit beim Schreiben aus, die er durch die Virtuosität seines schnellen Erzählstils auszugleichen verstand. Aber dies war fraglich eine weitere Lücke in Julians Erzählung. Julian wusste natürlich nicht sehr viel von Daniel, so wie er überhaupt nicht viel über das sogenannte bürgerliche Leben wusste, über das er sich von Zeit zu Zeit so abfällig äusserte, als sei es eine Art widerlicher, ansteckender Krankheit. Daniels und Hannahs Freundschaft war ihm, wie den anderen Kollegen im Institut, immer Anlass zur Verwunderung gewesen. Daniel in seiner spröden Disziplin und unfehlbaren Korrektheit, und sie, Hannah eben, deren generelle Unerreichbarkeit und verbale Aggression sie im Kollegenkreis nicht gerade beliebt machte. Selbst Julian hatte sich also gescheut, ihr Verhältnis zu Daniel, und sei es nur literarisch, auszuloten.  Schließlich lag ihm an seinem Job. Noch. Es sprach indes für sein sprachliches Intuitionsvermögen, dass der Volvo auf seltsame Weise dennoch in die Erzählung geraten war.
Hannah dachte träge über sich selbst, Hannah, und ihre ungewöhnliche Freundschaft zu Daniel nach, und sie erlaubte sich auch, einige Augenblicke über sich und Julian nachzudenken. Die Kunst am rechten Ort zur rechten Stelle zu sein, ist das Talent, das den Lebenskünstler vom geborenen Verlierer unterscheidet, hatte Daniel einmal gesagt. Daniel hielt sich für einen talentierten Verlierer und er kultivierte diese Überzeugung bis hin zu seinen teuren formlosen Klamotten. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das war die beste Beschreibung für Julian und seinen unfehlbaren Instinkt für das Rampenlicht. Vielleicht hatte Daniel recht. Aber jenseits dieser Begabung  gab es wohl auch die Gabe zur Geduld oder Gelassenheit, die Hannah besass.

Alles andere, sei es Malerei, Sprache oder Wissenschaft, entwickelte sich doch nur sich im Rahmen dieser grundsätzlichen Begabungen, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein wie Julian, der Superstar, oder aus endloser Geduld. Vielleicht hatte es auch einige Künstler und Wissenschaftler gegeben, deren Talent die Zeit geformt hatte, dachte Hannah, Leonardo vielleicht, aber wenn man zum Beispiel Joyce oder van Gogh bedenkt, schafft sich ein grosses Talent nicht unweigerlich auch den Ort, an dem es gedeihen kann. Hannahs erster Impuls von Ärger beim Lesen von Julians Erzählung hatte sich jetzt gelöst und war einem Gefühl von träger Kontemplation gewichen. Hannah und Daniel, Hannah und Julian. Und Daniel und Julian.

Wenn Hannah über sich und die beiden Männer nachdachte,  musste sie unumgänglich auch darüber nachdenken, ob ihre gemeinsame Arbeit anders verlaufen wäre, wäre sie selbst ein Mann gewesen in dieser Situation. Sicher, sie hatte Julian begehrt, und zwischen Daniel und Julian herrschte eine fast altmodische Rivalität, die nur zurücktrat, wenn alle drei gemeinsam an den Texten und Entwürfen arbeiteten– aber von beiden Männern hatte sie selbst zuerst Freundschaft begehrt, und so war es immer noch. Intellektuelle Verbundenheit war selten und kostbar, und sie hatte sich schon bald, nachdem Julian in das Institut gekommen war, überlegt, wie sich das Verhältnis zwischen ihnen, Daniel, Hannah und Julian, entwickelt hätte, wenn sie selbst ein Mann gewesen wäre, alle anderen Umstände identisch, alle drei mit ihrer intellektuellen Leidenschaft und Begabung, mit ihrer Hingabe an die Arbeit. Statt dessen wurde ein guter Teil der kreativen Energie, die in dem Team zusammenkam, auf das ungeklärte Begehren umgeleitet. Wenn sie schon als einzige Frau, F. wie Julian so passend geschrieben hatte, in diesem Team arbeitete, war sie froh, attraktiv zu sein (und sie war sich bewusst, dass dieser Umstand die Glaubwürdigkeit ihres Bedauerns kompromierte, nicht als Mann geboren zu sein, oder aber in J. und D. weibliche Kollegen zu finden) , aber sie war zugleich davon überzeugt, dass vergleichbare Unruhen aufgetreten wären, wenn sie nicht attraktiv gewesen waere. „So you say, a man can be friends with a woman he does not find attraktiv? – No, he pretty much wants to nail her too.”
Hannah hatte Daniels Freundschaft begehrt, und sie hatte sie um den Preis von Daniels Begehren erhalten, aber das war lange her, und inzwischen war ihr Verhältnis von der Freundschaft und dem Wissen umeinander geprägt, und Daniel hatte längst neue Eroberungen gemacht. Zum Beispiel Julian. Das schmerzte nicht. Besseres timing vorausgesetzt wären sie und Daniel perfekte Ehepartner gewesen in ihrer gegenseitigen respektierten Unabhängigkeit, ihrer Zuneigung zueinander und der gegenseitigen Wertschätzung für die Arbeit und das Leben des anderen. Aber Hannah und Daniel hatten sich zu einer Zeit getroffen, als sämtliche persönlichen Entscheidungen in Daniels Leben bereits gefallen waren und es lag nicht in ihrer Natur, weder Hannahs noch Daniels, diese Umstände in Frage zu stellen. Hinzu kam der beträchtliche Altersunterschied zu Daniel und der Umstand, dass Daniel von Anfang an als akademischer Mentor aufgetreten war. Er hatte beide, erst sie und dann Julian, ausgewählt und gefördert. Julian und Hannah waren Konkurrenten um Daniels professionelle Gunst. Das ergab sich auch aus Julians Geschichte, mit der er Hannahs, F.s;  Zuneigung zu Julian  diskreditierte und als strategischen Schachzug darstellte. jedenfalls hatte es den Protagonisten J.nicht kalt gelassen, wenn er auch seine Betroffenheit in erster Linie in Selbstmitleid zum Ausdruck gebracht hatte. Hannah wurde wieder ärgerlich. Wenn sie Julian darauf ansprechen würde, würde er sich hinter seiner Geschichte verstecken. Es ist nur eine Geschichte, Hannah, das weißt Du selbst am besten. Feigling. Sie verbot sich weitere Gedanken und nahm statt dessen das Magazin mit Julians Erzählung wieder zur Hand. “Today is the day I quit art”, dachte sie.

Art and me, or: The crowd at my breakfast table

Wer guckt da durch?

Art and me, we have a strange and very complicated relationship. I have been chasing it with determination and desperation, and it has cold-heartedly denied me. The pain of rejected love is cruel, but I submitted to it only so long. I retreated, admitting defeat was the most dignified thing to do in this situation, I thought, and I became a lawyer. But then, surprise, instead of going its own way, art took up a habit of following me instead, never quite disappearing out of sight, yes, I would say, teasing me, challenging me.

Eventually, we made up, kind of, since then I have been treating it with respectful nonchalance,and it has been faithfully and annoyingly waiting for me ever since at the breakfast table, casually asking me: “So, what are you up to today?”, not being offended by my silence while I am hiding behind my crucially important notes for the day, while I am all business, anticipating legal arguments and dictating the first legal brief in my mind, instead asking again, equally casually: “Mind, if I tag along?”, and I – with an air of studied indifference respond: “Sure, why not?”, and out the door we rush.

And when I come home in the evening and I open my very important briefcase out tumble bits of this and that, drawings on note paper, done while I was on the phone, creatures with big eyes while I was thinking about security of data transmission, one of my new wooden drawings “Watch out while you are being watched” over a quick coffee break. At home I don’t know how to archive the mass of these  bits and pieces anymore, nor where to store the heap of casual paintings done at night, JUST because, and during every free moment and I feel like I imagine the husband must be feeling who doesn’t quite know whether he is cheating on his wife when he spends time with a female friend his wife is well aware of or whether he is cheating on said female friend when spending quality time with his wife.

Garbriel Lorca, the beautiful Spanish poet who was murdered by the Nationalist Forces shortly after the beginning of the Spanish Civil War in 1936 – who really was a much better poet than an artist expressed it very much the same way, because he loved drawing, tenderly calling it his “mistress” while he stayed married, of course he did, to his writing. I remember reading in a small, illustrated Lorca volume I had bought at the Heinrich Heine Buchhandlung at the main train station of the Berlin Zoo station – a book store that was as great and complicated and deep and full of books and ideas about books as it could possibly get, probably a dependance of Borges library. I was twenty and attending classes by Prof. Robert Kudielka at the HdK, the University of Fine Arts in then still Westberlin – while actually meaning to study law at the Free University. You see, from the beginning this was a complicated thing and the small Lorca volume seem to me like an announcement of something I was not ready to grasp yet. I still own it.

I got constantly side-tracked during those years because of places like the Heinrich-Heine book store where they absolutely supported the idea of spending your entire cash worth a month of earnings at  some student’s job on a heap of books you could just so carry to the register – after first staying for what seemed like days in the sacred railway catacombs, resembling a labyrinth of overpacked shelves. You’d come out with marvelous finds, books that had been hiding for decades, books unknown even to the book seller, and you and the book seller would jointly rejoice in the find, and the book seller would come up with a fantasy price for the book because the one displayed on the inside of the cover seemed – unreal. 51 cents, Pfennige, or something like this. So, you’d pay 2,50 DM, and it wasn’t a used book, it was a book that had been waiting for you to be the first owner patiently since about 1953, well over a decade before you had been born and even more time before you became literate and then some more.

I got constantly side-tracked because there were the collections of old masters in Dahlem, one S-Bahn station before Thielplatz, my law school station, and you’d only guess that I must be a somewhat decent lawyer for passing my exams besides the fact that getting off the train in Dahlem to for a small detour through the beautiful tree-lines streets of Dahlem as often as not ended up with an entire day in the collections, studying Rembrandt and Baehr and flemish artists instead or, if I made it to class in the morning, not returning from the university’s cafeteria at lunch time because it was located pretty much right next to the collections.

I am actually now practicing law, specializing, surprise, on art and law, and art still has a very sly way of side-tracking me. Maybe it has something to do with the fourteen years I spent in New York, idling away time at the MoMA and the Met, and at Crawford Doyle booksellers. Art has always influenced the Why and Where, has seduced me to accept situations I would not have dreamed of for the sake of studying a Vermeer at the Metropolitan Museum of Art, Calder’s Circus at the Whitney, or rough Miro drawings at MoMA or Gerhard Richter‘s black and white paintings at MoMA, Odilon Redon, Armando Reverón, Richard Serra, Lucian Freud, Swoon, Kiki Smith, Marina Abramović, Nancy Spero, my appetite may have been more voracious than discerning, but it found nourishment as I found distraction from more pressing questions and challenges and time passed swiftly as I was holding still, holding still and just looking and looking.At times that seems my main occupation. Looking. Thinking. Understanding. Reversing. Looking again.

Sometimes now I suspect that I do what I do – including law – because of art not despite, but I am loath to follow up on that suspicion. For now, I like the casual question in the morning, the uncertainty, the “Wow, this is still going on” and with as much determination and desperation as ever before. One could not ask for better. Want me to tag along. Sure.

By the way, above drawing is one done on the side, complementing a serious legal interest of mine. Even as I write this blog. Who is watching you? I am still married to the law. But if you made you way through to here, you realize that I as I have spoken about “art” as a single occupation I have really referred to two loves: Writing and painting. Now, that is – almost – too much for one life. definitely for one blog article that is already stretching the limits of a reasonable article’s length.  It’s a bit crowded at the breakfast table at times.