“a rose is a rose is a rose” oder: die Krankheit der Phantasie (aus den Nachtwachen)

http://nachtwachenroman.com/2013/08/27/upolu/
Und dennoch sehnt ihr nüchterner Verstand sich nach einer exotischen Diät, ihr Verstand, der alles ablehnt, was sich nicht rational begründen lässt, und der sich ihr selbst zum Trotz dennoch an allem freut, was Spiegelbild und Spiegelspiel ist, als habe er ein zweites Gesicht, eine geheime Leidenschaft. K weiß, dass der Großvater, entgegen seinem ostentativen Bekenntnis zu einem rein rationalen Weltbild, an derselben Krankheit gelitten hatte, die er bei ihr, K, immer wieder mit Sorge diagnostizierte: der Phantasie. Und er hatte, genau wie K, es verstanden, die Symptome dieser Krankheit durch ausgefallene Leidenschaften zu verschleiern: Das Königsberger Brücken Problem. Topologische Räume und ihre Objekte. Hilberts Hotel. Verschrieben hatte er ihr dieselbe Medizin, die er selbst einnahm. Strenge Regeln. Unaufhörliche Wachsamkeit. Unerbittliche Ordnung.
Ihr Verstand, der sie zugleich zwingt (und mit dem sie unbarmherzig von anderen verlangt), zu unterscheiden zwischen dem, was sicher und belegbar ist und dem, was als Spekulation bezeichnet werden muss, ihr Verstand, der diese Unterscheidung fordert und verteidigt, der weite Auslegungen zulässt, aber nur wenn die Grundmenge der Gemeinsamkeiten erhalten bleibt, beschäftigt sich quasi privat umso zwanghafter mit den rein spekulativen Spuren der geheimen Schrift. Der Schrift, die in die Welt geschrieben ist. Der Schrift der alltäglichen Dinge, die nur mit geteiltem Blick entziffert werden kann. Alles ist, was es ist, buchstabiert sich selbst in bildhafter Schrift und buchstabiert zugleich auch den Text, der hinter der Welt liegt. Eine Rose ist ein Rose ist keine Rose. Ein Fettfleck ist ein Fettfleck ist die Insel Upolu.