Worte zu Träumen, Träume zu Worten …

Mahabaratha, detailMeine Erzählungen geben auch den Toten Stimme und Gestalt; mit Worten können wir Zeit ungeschehen machen und das Gestern ins Heute holen; die Würde der Toten, die sich ebenso wie die Würde der Menschen, die mit uns leben, nicht in der großen Geste offenbart, sondern liegt in einem lichtvollen Augenblick kurz vor dem Vergessen. Dieser kleine Augenblick ist es, den ich in der Erzählung zu bewahren suche, so dass in unserem kulturellen und politischen Gedächtnis das Wissen bleibt: Das ist ein Mensch, so wenig, so klein, so anmutig, so kostbar, und wir schulden ihm einen lichtvollen Platz in unserer Mitte.

Entdeckung – Ausschnitt aus den “Weidenkindern”

Sie waren auch erstmals verschieden in ihrer Begabung, etwas zu tun. Die anderen Kinder konnten Fuchs und Rabe, Eule und Wolf nicht unter der Oberfläche des Tons fühlen wie es der Rotschopf vermochte. Der Ton bewegte sich bereits, bevor das Mädchen ihn berührte, als sehne er sich nach ihren Händen, und die Kreaturen spielten in der dehnbaren Masse, die Rothaarige musste sie nur vorsichtig erfassen und hervorziehen. Kaum dass sie etwas an den Formen zu ändern schien, wenn die Figur erst einmal behutsam von dem Mutterblock getrennt worden war. Auch die anderen Kinder spielten gern im Ton, auch sie kneteten und modellierten kleine Kreaturen. Manche erwiesen sich dabei als geduldig und geschickt, andere mochten nicht lange still sitzen und ihren Händen die neue Fertigkeit abfordern und begnügten sich mit dem Kneten des Tons, um unvermittelt aufzuspringen und sich anderen Spielen zu widmen. Aber auch von den Kindern, die sich mit Ausdauer dem Ton widmeten, konnte sich keines mit dem Rotschopf messen. Ihre starken Finger befreiten nicht nur die Form, sondern auch den Geist des kleinen Abbildes aus dem Ton, sie zog Tiere und Kinder aus dem verdichteten Nichts.