Sonntag Nachmittag beim Malen: Gedanken für das nächste Kapitel meines neuen Buches, eine Skizze

Sonntag Nachmittag, beim Malen, wenn die Gedanken ohne Ordnung kommen und wie Schatten über die Bildoberfläche huschen. Und so entsteht, nach und nach, eine Idee für  das nächste  Kapitel meines neuen Buches:

“Unser Bewusstsein, finden wir es nicht reflektiert in jeder Oberfläche? Dennoch nehmen wir wohl zumeist an, dass es in uns residiere, uns zuzuordnen sei, uns gehöre, ein kostbarer, individueller Besitz sei. Akzeptieren wir diese Vorstellung ebenso ungeprüft wie die Aussage, dass Glas flüssig sei und Sirius etwa 8, 6 Lichtjahre entfernt? Diese Vorstellung, das Bewusstsein habe eine individualisierbare, wenn auch etwas vage Gestalt und es werde in uns generiert,  würde sich vielleicht bei näherer Prüfung als nicht aufgeklärter erweisen als die aus dem Mittelalter stammende Idee, das Gefühl der Liebe käme aus einem bestimmten Teil der menschlichen Anatomie, dem Herzen. 

An gebrochenem Herzen sterben, das ist auch heute möglich, da wir längst zu wissen meinen, dass die Liebe nicht in unserem Herzen entsteht. Anders gesagt: auch nach einem Herztransplantat kann der Mensch lieben. Es hört sich dagegen modern und aufgeklärt an, wenn wir das Bewusstsein als eine Funktion chemischer Reaktionen des weitgehend unerforschten Kontinents Gehirn verorten.Wissen können wir es nicht. Es ist lediglich eine Arbeitsthese.

Dass unser Bewusstsein eine Funktion unseres Gehirns sei und in uns residiere, eine innere Stimme, eine Form des Sehens (das “dritte Auge”) ist eine zufriedenstellende These ( muss ich mehr wissen?) und gerade kompliziert genug, dass es sich der unmittelbaren  Nachprüfung entzieht. Kann ich es überhaupt beobachten, dieses Bewusstsein, ist es möglich, dass es eine Zweiteiligkeit von Ich und Bewusstsein gibt, und dass beide in separaten Spären, wie getrennt durch eine flüssige Scheibe, existieren? Und entspricht die Beobachtung, die das Ich von dem Bewusstsein formt, seinem Spiegelbild, der These, dass es, unser Bewusstsein, in uns wohnt? Wird es durch das Gehirn erschaffen und in die Welt projektiert wie die Schatten in Aristoteles Höhle? Oder ist es, das Bewusstsein, unabhängig von unserem Gehirn? Spiegelspiel.

 Individuelles Verhalten mag sich mit Hirnverletzungen, Erkrankungen, Altersprozessen verändern, aber das Bewusstsein selbst? Ist es überhaupt individuell? Und bei genauer Betrachtung: residiert es in uns? 

Ist es nicht ebenso naiv, sich vorzustellen, dass die Grenzen unseres Körpers wie ein Haus für unser Bewusstsein wären, wie es naiv erscheint, anzunehmen, Liebe sei ein Impuls aus einem Muskel? 

Als kleines Kind konnte ich “sehen”, dass die Dinge von demselben Wissen, Verstand, Geist, belebt waren wie ich. Tatsächlich dauerte es lange, in die ersten Schuljahre hinein, bis mir bewusst wurde, dass es nach allgemeinem Verständnis nicht so zu sein hatte. Vielleicht weiß ich deshalb so genau, wie schwer es für Kinder sein kann, Schulunterricht und empirisches Wissen aus der Vorschulzeit zusammen zu bringen. Und zugleich, dass die Chance, zunächst ohne Unterrich zu denken, der Ursprung der Fantasie sein mag.

Heute weiß, ich nicht mehr , was es wirklich war, das ich sah. Ich erinnere mich an das, was ich bei mir die ” kleinsten Dinge ” nannte, nur wie einer längst verblichenen Großtante, von der es allerlei Familienanekdoten gibt, deren Wahrheit sich längst nicht mehr feststellen läßt. Ich vermeinte, die “kleinsten Dinge” zu sehen, und hatte Spaß an ihren unabhängigen Bewegungen. Sie waren immer voller Energie, heiter, geschäftig, unaufhaltbar.Die kleinen heiteren Dinge, und natürlich das große, träge Ding, das hinter dem Schrank lebte, alle bewegt von einem Geist, der mich mit einer gewissen Sorge erfüllte und von dem ich mich zu separieren suchte, auch wenn ich nicht recht wusste, wie ich es anstellen sollte. Jeder Kiesel, jeder Stein, die offenen Grenzen in der Wände in der Nacht, die Starre der Materie, die zerfließt, wenn wir sie aus unserer Aufmerksamkeit entlassen, alle waren Ich und Ich war in allem. 

Die Erinnerung an das, was ich sah, ist mir heute wie ein Stein im Schuh. Mein Bewusstsein ist vielleicht nur Ergebnis eines Trainings, nicht zu sehen, was ist. Als stecke man Land im Wasser ab oder beschriebe die Geographie des Königreichs der Lüfte.”

  

Das Kartenspiel – Es regnet

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Am Abend des vierten Regentages entdeckte Anna ein Deck alter Spielkarten in der Kommode in ihrem Schlafzimmer. Sie hörte Daniel in der Küche hantieren und über die Ausstattung der Schränke fluchen wie schon an den anderen Abenden. Robert hatte sich bereit erklärt, ins Dorf zu fahren, um Streichhölzer und mehr Wein zu besorgen. Bestimmt waren ihm auch die Zigaretten ausgegangen. Er hatte Daniels Volvo genommen, der Wagen war noch nicht zurück. Anna setzte sich auf die Fensterbank und ließ die Karten in einem soliden Block aus ihrer leicht vergilbten Schachtel gleiten. Sie hatte den größten Teil des Nachmittag verschlafen, nur einmal war sie kurz erwacht, weil Daniel und Robert ihre Stimmen erhoben hatten, und sie hatte gelauscht, aber sie hatte nicht hören können, ob sie wieder gestritten, oder ob sie sich einfach über Politik oder Sport unterhalten hatten. Eigentlich kam es auf dasselbe heraus. Anna seufzte. Immerhin erwarteten sie nicht von ihr, Stellung zu beziehen. Sie überlegte, ob sie einfach in der Jeans und dem weißen T-Shirt, in denen sie den Nachmittag auf dem Bett gelegen hatte, zum Abendessen gehen oder noch duschen und sich umziehen sollte, und mit nassem Haar zum Essen erscheinen. Noch zwei Abende mit Daniel und Robert. Es war idiotisch, dass sie nicht in Betracht gezogen hatten, dass es auch regnen könnte. Das Haus verfügte, anders als jenes, das das Institut ihnen im Winter zur Verfügung gestellt hatte, über keine Bibliothek. Vor dem Einschlafen hatte Anna sich wieder in das einzige Buch versenkt, das sie mitgebracht hatte. „This is the story of how I fell in love with a woman who read me a specific story from Herodotus.“ Was für ein wunderbarer Satz, dachte sie,der Anfang einer Geschichte, der Anfang einer Liebesgeschichte, aber tatsächlich verborgen inmitten der Erzählung. Wie deutlich der Erzähler sofort vor Augen steht, ohne dass wir jemals mehr ueber ihn erfahren müssten. Nicht: „ … who read me a story by Herodotus“, sondern „ … who read me a specific story by Herodotus.“ Dieses eine Wort, “specific”, in seiner Reserviertheit, seiner Arroganz, beschreibt den Unterschied zwischen Gemeinplatz und Begehren, zwischen Roberts schnodderigem Alltagsrealismus und Daniels hedonistischer Phantasterei, wobei es Robert war, der Begehren in seinen Geschichten inszenieren konnte und Daniel, der ihm dieses Talent neidete und lange nichts mehr veröffentlicht hatte. Anna spielte abwesend mit den Karten und warf den Pack schließlich auf das Bett. Die Karten fächerten sich auf. Sie betrachtete sie nachdenklich. Ein Kartenspiel. Ein Kartenspiel, das die offene Frage entschied, die sie alle drei beschäftigte.

Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht

ImageIch erinnere. Ich träume. Ich erinnere. In einer fernen Stadt, einem fernen Kontinent träumte ich von einem längst verblühten Garten in Deutschland. “Die Veilchen nickten sanft, es war ein Traum.” Und von dem Gärtner, der diesen Garten mit Bauernhänden bewirtschaftete wie ein Feld.

Ich erinnere. Seine Hände, muskulöse, braun gefleckte Altershände, die Form dieser Hände, ihre erdschwere Stofflichkeit, ihren festen Griff, dem meine eigenen Hände kaum Kraft entgegenzusetzen haben. Ich erinnere eine unbeholfene, steife Umarmung, seine gedrungene Gestalt unter rauem Tweed, den von Zweifeln unberührten Klang seiner Stimme. Und einen Garten, seinen Garten.

Von Zeit zu Zeit träume ich von diesem Garten, in dem mein Bewusstsein sich entfaltet hatte wie fadiges Unkraut, träume von sauber geharkten Kieswegen, dem blank gescheuertem Betonboden der Terrasse, auf dem Ameisen in der Mittagsonne militärische Exerzitien halten, träume von der gnadenlosen Ordnung, die mein Großvater der Fülle des Sommers Jahr um Jahr abtrotzte, träume von mit Paketschnur abgesteckten Beeten, in denen er Gemüse und Blumen in geometrischer Ausrichtung hielt, sich Tag für Tag mit muskulösem Rundrücken hinabbeugend, um jedes zarte Blättchen keimenden Unkrauts unfehlbar auszureißen, sehe in Form gestochene Rasenflächen, kurz rasiert wie die Köpfe von Rekruten, giftgrüne Nylonnetze über Apfel-, Birnen-, Pflaumen- und Kirschbäumen, Stachel- und Johannisbeerbüschen, Erdbeerreihen und Himbeerranken.

Höre die genussvolle Litanei botanischer Ordnungsbegriffe, assoziiert mit flüchtigen Bildern. Solanum tuberosum, die Kartoffel, vier zartspinstige, weiße Blütenblätter, violettgesprenkelt wie die Triebe der gelagerten Knolle; Brassica oleracea var. capitata, der Weißkohl, im Wind tanzende, gelbe Bechersterne; Daucus carota, die Möhre, schäumend wie die Gischt der Schafgarbe in den Sommerwiesen; Cucumis sativus, die Gurke, sechsblättrig geteilter, weißer Schleier über fruchtig grünem Grund.

Bete ihm lautlos nach, dass Apfel (Malus communis pumila) Birne (Pyrus), Pflaume oder Zwetschke (Prunus domestica), Aprikose (Prunus armeniaca), die im nördlichen Klima nicht gedeihen wollte, Kirsche (Prunus avium), Erdbeere (Fragaria ananassa), Himbeere (Rubus idäus) und Brombeere (Rubus) allesamt Rosengewächse (rosaceä) seien.

Zierrosen, in Reih und Glied entlang des Rasens gepflanzt, liebte er als Sinnbild dieser üppigen und doch kultivierten Fruchtbarkeit, während er die Blumenbeete im Übrigen der Pflege meiner Großmutter anempfahl, der Blumengarten – Frauensache, nur hier und dort eine Korrektur, eine Rüge, ein schneller Schnitt.

Mit seinen Rosen sprach er, schmeichelte und schimpfte, streifte Maden einzeln von ihren Blättern und ertränkte sie in einem Eimer Laugenwasser. Drohte Frost, hüllte er jeden Rosenstrauch vorsichtig, bedacht, keinen Trieb, keine späte Knospe zu knicken, in Sackleinen, schüttete Torf und Schredderspäne an, kontrollierte jeden Morgen sorgenvoll, ob sie die Nacht gut überstanden hätten. Sein äußerstes an Zärtlichkeit gegenüber einem Geschöpf.

Mit annähernd religiöser Ehrfurcht war er seinen Rosen verbunden, das war selbst für ein Kind ersichtlich. Und doch war seine Liebe nicht von einfacher, tröstender Art, war sie nicht großmütig und mild, sondern streng, nicht annehmend, sondern fordernd. Niemals war es einer Rose erlaubt, in den Sträuchern zu überblühen, Rosenblätter, die sich aus den Blüten gelöst hatten, las mein Großvater täglich einzeln aus den Beeten. Aber auch Blüten, die nicht die gewünschte Größe erreichten, die den Augen meines Großvaters in irgendeiner Weise makelhaft erschienen, sei es durch fehlende Symmetrie, ein welkes Blütenblatt, unerwünschte Färbung, wurden abgeschnitten. Die welken Rosen, Rosenblätter und Zweige mischte er in einen gesonderten Komposthaufen, gemeinsam mit Apfelschalen und anderen Obstabfällen aus der Küche meiner Großmutter sowie dem Herbstlaub der Obstbäume. Die nährstoffreiche Erde, die er so produzierte, wurde im Frühjahr wieder in die Rosenbeete verteilt.

Was mein Großvater anstrebte, war nichts Geringeres als Perfektion. Er nannte es auch “Reinheit”. Seine Rosen glichen den Abbildungen in den Gartenkatalogen, in denen er im Winter blätterte. Ich besitze eine alte Fotographie aus den siebziger Jahren, in nunmehr vergilbten Kodakfarben, auf der eine einzelne Rose zu sehen ist, die in ihrer formalen Symmetrie beinahe unwirklich scheint. Die sommerliche Wildheit von Heckenrosen oder die lieblichen Zerstreutheit einer Bauernrose sprachen nicht zu meinem Großvater. Schönheit war für ihn gleichbedeutend mit Ordnung, alles musste von Ordnung durchdrungen sein, einer unbarmherzigen, unabwendbaren Ordnung, die es aufzudecken oder herzustellen galt. Seine Ordnung. Seine Ordnung. Ein unaufhörliches Mahlwerk.

Das Möbiusband

Screenshot 2014-04-11 15.30.33K fährt vorsichtig mit der Spitze ihres Zeigefingers an der goldenen Schlinge entlang. Der Anhänger ist das kunstvolle Modell eines Möbiusbandes, ein mathematisches Fingerspiel. Ihr Großvater, Nicolai Rieper, hatte es für seine Frau anfertigen lassen, lange vor Ks Geburt. Es hat nur eine Oberfläche und eine Kante, an der Ks Zeigefinger endlos entlang reisen könnte, um das Band vollständig auf seinen verlorenen Glanz zu polieren, in fließendem Wechsel zwischen Vor- und Rückseite, ohne jemals den Finger anzuheben. Ein mathematisches Spiel, Großvaters Leidenschaft, das Geschenk eines Mannes, der keinen Sinn für nutzlose Objekte besaß.

Es ist passend, dass sich das Möbiusband jetzt in Ks Händen befindet, nicht nur wegen der Faszination, die sie als Kind für diesen Anhänger und seine Geschichte aufgebracht hat. Wie K hatte der Mathematiker Möbius, Pionier der Topologie, zunächst Rechtswissenschaften studiert, bevor er sich seiner eigentlichen Berufung, der Mathematik, zugewandt hatte.

Dem Großvater waren über Ks Jurastudium graue Haare gewachsen, weil er zutreffend vermutete, dass K mehr Zeit in den Kunstsammlungen in Dahlem, in diversen Zeichenkursen und in kunstgeschichtlichen Vorlesungen zubrachte als in den Hörsälen ihrer eigenen Fakultät. Dass K schließlich doch ihre Staatsexamina ablegte, hatte er nicht mehr erlebt. Dennoch war das Möbiusband nicht zuletzt auch Symbol dessen, was er sich für K gewünscht hatte: die Aneignung einer Welt, die rational, vorhersehbar und regelgerecht war. Wobei er unter Regeln nicht die unabwendbaren Gesetze von Natur und Wissenschaft verstand, sondern die Ordnung des Gesetzes, in der sich die ideale Gesellschaft spiegelte. Das es K vor seiner Ordnung graute, war ihm nie in den Sinn gekommen. „Das bist Du Deinem Verstand schuldig, mein Kind“ hatte er ihr mehrfach vorgehalten, „Malen,“ hatte er verächtlich hinzugefügt „das können andere besser.“