Un bar aux folies bergéres
Man kann sagen, dass Siri auf uncoole Orte spezialisiert war. Sie hatte eine Abneigung gegen gestylte Cafés oder Kneipen, obwohl sie das wahrscheinlich nicht zugegeben hätte. Sie trank keinen „Grande no fat Latte“, sie bestellte Kaffee, schwarz. Sie liebte Kaffee. Sie hasste Milch. Ihre text messages waren zu lang.
Wir hockten auf hohen Stühlen zwischen Hausfrauen und Rentnern in einem Selbstbedienungs-Café, das sich in einem gläsernen Gang zwischen der Socken- und Strumpfhosen Abteilung im nördlichen Flügel eines Kaufhauses und Heimtextilien im südlichen Flügel befand. Unter uns verlief eine Einkaufsstraße. Siri trank ihren Kaffee und sah auf die Straße hinunter. Ich aß Zitronenkuchen und trank Cola und sah auch auf die Straße hinunter. Ich schmeckte die Säure, die der Zucker in meinem Mund produzierte. Ich brach kleine Kuchenstücke ab und schob sie mir in den Mund. Der Zitronenkuchen schmeckte fast wie selbstgebacken.
Hinter der Kuchentheke ordnete eine hübsche, rundliche Frau die Kuchenstücke in der Auslage. Sie trug eine weiße Schürze und hatte richtige Hüften, die irgendwie durch die weiße Schleife über dem schwarzen Rock besonders vorteilhaft betont wurden. Ich wusste gar nicht, dass es noch Kellnerinnen mit weißer Schürze gab. Siri folgte meinem Blick. Es ist wie ein Bild, sagte ich schnell, weißt Du, diese Frau hinter der Theke, als hätte ich nicht gerade über Hüften nachgedacht. Mir fällt der Maler nicht ein, fügte ich hinzu, um wieder auf sicheren Grund zu kommen. Manet, sagte Siri vollkommen uninteressiert. Aber sie war geduldig, weil sie reden wollte und einen Zuhörer brauchte, hier zwischen Sockenabteilung und Wolldecken. Du denkst an Manets „Bar aux Folies Bergeres“, erklärte sie. Ich nickte. Ja. Das wars. Sie sah wieder auf die Straße hinunter. Nur dass es nicht stimmt., fügte sie hinzu. Es ist nur ein Klischee. Ich wollte protestieren, aber sie hatte Recht. Es stimmte nicht. Ich schob meinen Zitronenkuchen zu ihr rüber, der auch keine Madeleine war. Sie musterte den Kuchen als hätte ich ihn aus einem Sandförmchen gebacken und nahm noch einen Schluck Kaffee.
Die Sache ist die, sagte sie, ich bin nicht glücklich. Nicht mal zufrieden. Aber das macht nichts. Sie malte mit ihrem Zeigefinger einen Kreis auf die Glasscheibe. Ich wartete. Es machte keinen Sinn, jetzt Fragen zu stellen. Aufstehen und weggehen, irgendwann würde ich einfach aufstehen und weggehen, wenn sie so anfing, irgendwann, aber nicht heute. Sie sah mich an und verzog ihren Mund. Ich mochte diesen Mund, deshalb blieb ich sitzen. Weil ich ihren Mund mochte. Ich fand, das war Grund genug. Dafür wären andere auch sitzen geblieben.
Ich habe es satt, gefragt zu werden, ob ich glücklich bin, fuhr sie fort, mit absolut ruhiger Stimme, als wäre sie vorhin nicht ausgerastet. Es ist eine vollkommen sinnlose Frage. Vielleicht sorgen sie sich nur um dich, antwortete ich lahm. Sie sah mich so verächtlich an wie zuvor das Stück Zitronenkuchen. Sie sorgen sich nicht um mich, sagte Siri, sie sorgen sich um sich selbst. Ich brach noch ein Stück Zitronenkuchen ab und begann wieder zu kauen. Definitiv wie selbstgebacken. Nicht zu trocken. Nicht künstlich feucht. Gerade richtig.
Du solltest den Kuchen probieren, warf ich ein, der ist wirklich gut. Wie selbst gebacken. Sie schob den Teller auf meine Seite zurück. Ich hab guten Grund, nicht glücklich zu sein, fuhr sie fort. Ich bin nicht unglücklich, ich bin nur nicht glücklich und ich habe weder vor, so zu tun als wäre ich es, noch Energie darauf zu verschwenden, es zu werden. Ich aß den Rest des Kuchens in einem Stück. Es war zu wenig für zwei Bissen, aber zu viel für einen. Kann nicht sehen, dass etwas falsch daran sein soll, ein bisschen Mühe aufs Glücklichsein zu verschwenden, antwortete ich mit vollem Mund und meinte es. Ich schluckte den Rest des Kuchens runter und spülte mit Cola nach. Siri sah mich mit kaltem Interesse an, etwa so wie man ein Insekt ansieht, das über die Tischdecke krabbelt. Ich meine, jeder will doch irgendwie glücklich sein, Siri, das ist doch vollkommen normal, verteidigte ich mich.
Sie schwieg, als müsse sie abwägen, ob es sich wirklich lohne, mit mir zu reden, und kniff dabei die Augen zusammen. Das machte sie immer, wenn sie unentschlossen war. Ihre Augen gefielen mir auch, aber sie hätten mir noch besser gefallen, wenn sie mich nicht angesehen hätten, als hätte ich den Verstand eines Fünfjährigen. Das ist für Dich normal, entgegnete sie, weil Du über nichts nachdenkst. Es geht ihnen doch gar nicht darum, ob ich glücklich bin. Und das fragen sie mich auch nicht wirklich. Sie fragen mich eigentlich, ob ich mich endlich abgefunden habe. Und weil sie die Antwort schon wissen, fragen sie mich zugleich, wie lange es noch dauern soll, bis ich mich abfinde. Und mit derselben angeblich fürsorglichen Frage suggerieren sie, dass ich mich schuldig fühlen soll, weil ich mich trotz ihrer Fürsorge nicht glücklich und dankbar verhalte und mich nicht abgefunden habe und schließlich wollen sie, dass ich Zeit darauf verschwende, nach dem Grund zu suchen, warum ich mich nicht abfinden kann, oder „glücklich sein“, wie sie es sagen. Obwohl es auf der Hand liegt, sollte man meinen.
Sie schwieg einen Augenblick. Unten in der Einkaufsstraße stand ein großer Mann in grauem Mantel und hielt eine Ausgabe des Wachturms hoch. Die Passanten behandelten ihn wie einen Laternenpfahl.
Siri sah mich taxierend an und entschied sich dann, wahrscheinlich mangels Alternativen, dass ich würdig war, weiter in ihr Vertrauen gezogen zu werden. Meinetwegen hätte sie es auch sein lassen können. Obwohl, dann wären wir sicher nicht mehr zusammen Kaffee trinken gegangen. Siri Kaffee, ich Cola. Ich konnte Kaffee damals nicht ausstehen. Siri trank schon mit Fünfzehn Kaffee wie andere Limonade. Schwarzen, ungesüßten Kaffee. Wahrscheinlich würde sie mit zwanzig ein Loch in der Magenwand haben. Verstehst Du, ich habe keine Zeit dazu, sagte sie, ich hab einfach keine Zeit, Schuldgefühle zu haben und mir sinnlose Fragen zu stellen. Und ich hab auch keine Schuldgefühle und ich stelle mir grundsätzlich keine sinnlosen Fragen. Ich kann ganz in Ruhe nicht glücklich sein und meine Energie in meine Arbeit investieren. Und deshalb, verstehst Du, musst Du sie mir von Halse halten. Sie atmete tief ein und schwieg einen Augenblick, als sei sie erschöpft. So, sagte sie dann schließlich und schenkte mir ein flüchtiges Lächeln mit ihrem schönen Mund, als sei damit jetzt alles geklärt, und sie sei doch ganz zufrieden mit unserem Gespräch. Ich bestell mir jetzt noch eine Tasse Kaffee, zwitscherte sie. Du? Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie zum Teufel, sie sich das vorstellte: sie ihr vom Hals zu halten. Aber sie war schon von ihrem Hocker gerutscht und auf dem Weg zur Theke.
Wir saßen auf den Steinen der Mole und froren trotz der Sonne. Am Morgen waren die Temperaturen noch nah am Gefrierpunkt gewesen und die Sonne hatte noch nicht die Kraft, die Steine zu wärmen. Das Wasser war ebenfalls noch frostklar, erst später in der Saison würden Algen es grün färben. Etwas weiter draußen saßen zwei Kormorane auf den Steinen und hielten ihre Flügel prüfend in den Wind. Ich hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, aber tatsächlich kam die Kälte direkt über meine Sitzfläche, weshalb ich versuchte, nur mit einem Knochen auf dem Stein zu hocken. Siri machte die Kälte nichts aus. Ihr hellblondes Haar flatterte im Wind, während sie ins Wasser starrte. Schließlich, mein Hintern war schon taub, stieß sie mich an und deutete ins Wasser. Ich hatte schon gestern befürchtet, dass sie es bemerken würde. Vielleicht hatte sie es auch schon gestern gesehen. Konnte man nicht einschätzen, Siri war gut darin, Dinge für sich zu behalten, wenn sie es wollte. Die Steine, auf die sie wies, lagen unter der Wasseroberfläche, sie stützten die Mole von der Seite. Sie waren andern geformt als die groben Feldsteine, auf denen wir saßen. Sie waren flach und schützten die Mole wie ein Schuppenpanzer. Dennoch hatte das Eis einige von ihnen angehoben und neu abgelegt, so dass man jetzt im klaren Wasser die verwaschenen Inschriften lesen konnten. Es waren Grabsteine, das wussten alle, die hier lebten. Irgendwann lief die Pacht für die Gräber aus, dann wurde das Grab ausgehoben und für neue Bestattungen freigegeben. Und die Steine fanden unter anderem Verwendung an der Mole. Ich hielt die Luft an und sagte nichts. Das hier konnte überall hin führen, also hielt ich den Atem an, zählte bis 8, atmete auf 7 aus und langsam auf 4 ein, bis meine Lungen voller Luft waren, dann hielt ich den Atem wieder für 8 Sekunden. Wenn ich mit einem Atemzyklus durch war, streckte ich einen Finger aus der in meiner Jackentasche geballten Faust und atmete weiter. Als ich drei Finger gestreckt hatte, ging es los. Sie strich eine Strähne hinter die Ohren zurück. Ich konnte sehen, dass sie aufgebracht war. Sieh Dir das an, sagte sie, und ich sah hin und hatte keine Ahnung, was jetzt kommen würde. Also hielt ich noch einmal die Luft an und zählte bis acht. Die Inschriften waren kaum noch zu lesen, Die Strömung und der Sand hatten ihre Arbeit getan und die Namen nahezu ausgelöscht. Ich atmeten wieder aus. Es stört mich nur der Gedanke, sagte sie plötzlich, wie lange man tot ist. Ich meine, man sitzt hier, und die Zeit tickt so ganz gemächlich davon, und jeden Augenblick habe ich einen Augenblick weniger zu leben. Jeden Atemzug einen Augenblick weniger. Aber tot ist man für immer. Es ist nicht so, dass eine Sekunde des nicht mehr Lebendig Seins etwas von der Zeit des Nicht Lebendig Seins fortnähme. Nur das was bereits war, nimmt etwas von dem, was jetzt noch kommen muss, Unendlichkeit. Tod kann nur deshalb nicht unendlich sein, weil ich schon einmal gelebt habe. Aber dann hält die Zeit an und alles Warten der Welt macht es nicht ungeschehen. Die Strähne hatte sich wieder befreit und sie strich sie erneut zurück. Es stört mich einfach, sagte sie noch einmal, dass es so lange dauert.