Staatsschutzstrafrecht (aus dem Roman “Nachtwachen”)

English: Defense counsel Robert Servatius (for...
English: Defense counsel Robert Servatius (foreground) and chief prosecutor Gideon Hausner (standing) during the Eichmann Trial in Jerusalem. (Photo credit: Wikipedia)

An der Universität hatte K an einem Seminar zum Staatsschutzstrafrecht teilgenommen und den Großvater in ausführlichen Briefen über den Fortgang der Veranstaltung auf dem Laufenden gehalten. In dem Seminar erhitzte Debatten darüber, ob es denkbar sei, dass einer ganzen Generation von Menschen unter Umständen gehandelt hatte, die es ihnen unmöglich gemacht haben sollte, das Unrecht der eigenen Taten zu erkennen oder auch nur zu begreifen, dass sich der Staat, in dem sie lebten, und der Führer, dem sie auf Veranstaltungen bejubelten, einen Völkermord vorbereiteten, diesen gnadenlos ausführten und rechtfertigten. Katja hatte eingeworfen, dass bereits die Fragestellung an sich  fragwürdig sei. Schließlich hatten jene,  die verfolgt und ermordet worden waren, zu jener Generation von Deutschen gehört, der angeblich über Nacht das Unrechtsbewusstsein abhanden gekommen war.  Als sei das Wissen der Verfolgten nicht identisch mit dem Wissen der Verfolger. Als habe es sich um zwei unterschiedliche Generationen gehandelt.

Bei einem Besucht hatte Katja hatte dem Großvater die am häufigsten vorgebrachten Argumente vorgetragen. Es gab jene, die sagten, dass der einzelne seine eigenen Vorstellungen von Recht und Unrecht immer nur an den  bestehenden staatlichen Vorstellungen und Gesetzen bilden kann. Man könne es schließlich nicht jedem einzelnen zumuten, ständig die Gesetze in Frage zu stellen. Jemand hatte dagegen den Literaten Klaus Mann und sein scharfes Urteil über Gottfried Benn und die Nationalsozialisten ins Feld als Beispiel in die Diskussion eingeworfen. Klaus Mann habe Benn vorgeworfen, sich denjenen angebiedert zu haben, “deren Niveaulosigkeit absolut beispiellos in der europäischen Geschichte ist und vor deren moralischer Unreinheit sich die Welt in Abscheu abwendet.” Es sei, mit anderen Worten, offenbar möglich gewesen, sich ein unabhängiges Urteil über die Nationalsozialisten zu bilden. Andere hatten auch auf Dietrich Bonhoeffer und Sophie Scholl hingewiesen. Auf von Stauffenberg,

Der Großvater hatte ihr tatsächlich zugehört. Schließlich hatte er gesagt: “Das ist doch alles so lange her, Katja. Man muss ja auch mal vergessen können. Ich weiß nicht, warum sie Euch immer wieder dazu anhalten, die Vergangenheit aufzurühren. Das macht doch niemanden wieder lebendig. Aber so viel will ich Dir sagen. Ich stimme mit Deinem Professor überein. Hitler hat sich geirrt, das wissen wir jetzt. Was den Umgang mit den Juden anging. Es war unmenschlich und auch grausam, das war es. Auch wenn es sich nicht um Deutsche handelte. Es waren ja Kinder und Frauen dabei. ” Als Katja gefragt hatte, ob die Männer in den Konzentrationslagern weniger grausam zu Tode gekommen seien, war der Großvater abrupt aufgestanden und hatte das Zimmer verlassen. “Das brauche ich mir von Dir nicht anzuhören, Katja,” hatte er konstatiert. “Du bist doch nur ein junges Mädchen, davon verstehst Du doch gar nichts, das ist nicht Frauensache, über die Soldaten und Männer zu urteilen, die ihre Pflicht getan haben. Auch nicht, wenn Du jetzt Juristin wirst. Wir hatten schon die Nürnberger Prozesse. Und jetzt wollen wir endlich ein wenig Rechtsfrieden, das kannst Du auch mal nachlesen, was das heißt.” Ende der Diskussion.

Bis ans Ende seines Lebens war er der unerschütterlichen Überzeugung geblieben, dass „die Juden eben anders“ seien. Das liest sie auch mit dem Abstand der Jahre wieder einmal aus seinem Brief. Sie erinnert sich auch an andere Bemerkungen, mit denen er sie zu überzeugen suchte, dass er keine Vorurteile gegen Juden habe, dass er nichts “gegen Juden habe”: „Sie sind nun mal sehr viel intelligenter als wir, Katja, sie sind uns weit voraus. Sie sind halt ein altes Volk. Das darf man doch wohl  so sagen. So ist es nun einmal. Man kann es ja sogar in der Bibel lesen.”  Als Katja ihm vorgehalten habe, auch in dieser Äußerung zeige sich Rassimus (sie hatte feige gesagt: “in Äußerungen wie dieser”, nicht: “in Deiner Äußerung”), hatte er sie verzweifelt angeschrien: “Was willst Du denn eigentlich von mir, Katja? Was soll ich denn noch sagen?” Es war kein Verstehen zwischen zweien, die nicht einmal wussten, worüber sie eigentlich sprachen und zu welchem Ende und warum.

Als Hitler die Macht ergriff, war der Großvater 27 Jahre alt gewesen. Ist es möglich, hatte sich Katja gefragt, dass man als erwachsener Mann oder als erwachsene Frau so bereitwillig eine Ideologie verinnerlicht, dass sie einem zum zweiten Wesen wird? Dass man sie niemals mehr abstreifen kann? Oder war Deutschland nicht schon vor Hitler, vielleicht schon seit 1918, vielleicht schon vor 1914 bereit gewesen, sich in einen neuen Krieg zu stürzen, in einen Krieg von ganz neuen, ungeahnten Ausmaßen? Das industrielle Zeitalter wartete darauf, seine Waffen zu erproben.

Wie weit zurück reichte der Rassismus des Großvaters,  wo waren seine Wurzeln, überlegt K. K muss in seinen Briefen erkennen, dass der Großvater bis ins hohe Alter versucht hatte, seine eigene Biografie mit dem Urteil der nachfolgenden Zeit, der Zeit seiner Kinder und Enkel, auszusöhnen, und dass er entgegen seiner eigenen Bemühung dennoch nicht in der Lage gewesen zu sein schien, zu beurteilen, worin das eigentliche Unrecht des Schreckensregimes, dem er gefolgt war, bestanden hatte, und welches seine Voraussetzungen gewesen waren. In dieser Hinsicht war ihr der Fall Eichmann, der Gegenstand ihrer Seminararbeit gewesen war, erschreckend vertraut vorgekommen.Sie glaubt nicht, dass der Großvater, den sie bei anderen Themen als gebildeten, artikulierten und selbstbewussten Mann erlebt hatte, mit der Machtergreifung Hitlers unreflektiert eine vorherige Identität abgelegt hatte, um sodann zu einem glühenden Anhänger Hitlers zu werden wie es auch gleichzeitig viele andere taten. Sie glaubt, dass die Ideologie Hitlers auf eine abwartende Haltung getroffen war, in der bereits die unbedingte Bereitschaft gelegen hatte, mit bitterer Konsequenz einen neuen Krieg zu führen. Sie glaubt, dass Hitler nur noch schlafende Hunde geweckt hatte.

Anne Franks Tagebuch im Schulunterricht

Signature of Anne Frank
Signature of Anne Frank (Photo credit: Wikipedia)

Mein Beitrag zu einer blog-Diskussion über die Lektüre des Tagebuches der Anne Frank im Schulunterricht:

Wer das Tagebuch von Anne Frank ausschließlich als verstörendes Beispiel für die Geschichte eines Opfers der Nationalsozialisten ansieht und es deshalb als unzumutbare Lektüre für Kinder  im Schulunterricht ansieht, hat es wahrscheinlich nicht gelesen. Ja, das Buch kann sehr traurig machen. Aber die Lektüre verstört nicht. Sie verleiht einer dunklen Zeit ein menschliches Gesicht.

Es ist richtig, Anne Frank wurde von dem Nationalsozialisten verfolgt und ermordet. Kinder lesen die Aufzeichnungen Annes in dem Wissen, dass die Autorin niemals erwachsen werden durfte, dass Anne Frank in einer Zeit lebte, in welcher in Deutschland und den Ländern, die Deutschland besetzt hielt,  selbst Kinder verfolgt und getötet wurden. Dennoch haben drei Generationen von jungen Menschen dieses Buch quasi als Gegengift zu der Verzweiflung gelesen, die mit dem Bewusstsein einhergehen kann, was Menschen einander antun können. Dies gilt insbesondere für Kinder in Deutschland, die begreifen, dass dies die Geschichte ihres eigenen Landes ist.

Anne starb in Bergen-Belsen an Typhus. Die Verhältnisse, unter denen sie eingesperrt und untergebracht worden war, machen ihren Tod zum Mord. In Annes Tagebuch lesen wir dennoch nicht von Hass und Vergeltungssucht, obwohl die Aufzeichnungen in dem klarem Verständnis der Gefahr geschrieben wurde, in dem die Autorin und ihre Familie in ihrem Versteck in Amsterdam leben mussten. 

Wir werden vielmehr Zeuge, dass ein sehr junger, sehr begabter Mensch sich auch in der dunkelsten Zeit deutscher und europäischer Geschichte die Liebe zum Leben und ihre Wünsche für ihre eigene Zukunft zu bewahren verstand. Wir lesen, dass ein junges Mädchen sich trotz höchster Not von einem Fleck Sternen besätem Nachthimmels, erspäht aus der Enge ihres Verstecks, verzaubern lassen konnte. Wir lesen von Lebensmut und Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit. Und das ist der Grund, warum dieses Tagebuch nach all diesen Jahren immer noch und immer wieder gelesen wird – und warum es eine geeignete Schullektüre ist.

Das Tagebuch der Anne Frank spricht davon, wer Menschen sein können, gerade auch junge Menschen. Es spricht davon, dass ein Mensch in den dunkelsten Tagen Liebe und der Hoffnung empfinden und sie auch an andere weiter geben kann. Wer an den Menschen verzweifelt, wer an der deutschen Geschichte verzweifelt, wende sich an dieses Buch. Es zeigt in klarer Sprache, dass wir die Wahl haben, zu sein, wer wir sein wollen.

Anne Frank, Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl, Victor Klemperer haben sie sich ihre menschliche Stimme, ihre Gefühle und Würde auch in der Verfolgung nicht nehmen lassen. Auch dies lässt sich aus der Geschichte Deutschlands lernen – auch dies ist Teil unserer Geschichte.

Dass einzelne Menschen, unter ihnen sehr junge Menschen wie Anne Frank und Sophie Scholl, nicht mit Hass sondern mit fragendem Verwundern auf diejenigen reagierten, die sie verfolgten, darf uns mit dem, was Menschen vermögen, versöhnen, auch wenn es uns auferlegt, dass wir uns mit diesem Teil unserer Geschichte niemals aussöhnen dürfen. Es war Finsternis in jener Zeit – aber es gab auch Licht.  Dass uns gerade von denen, die verfolgt wurden, Stimmen der Menschlichkeit überliefert sind,  zeigt uns und unseren Kindern einen Weg aus der Verzweiflung über unsere eigene Geschichte.

Unseren Kindern im Schulunterricht oder zu Hause das Tagebuch der Anne Frank zu geben, und es ihrer Stimme zu überlassen, zu beschreiben, wer wir als Menschen sind und wer wir sein können, ist für mich vor allem anderen nicht nur eine Geste der Bewunderung für den unfassbaren Mut, der in Anne Franks Worten klingt, einen Mut, den ich auch meinen eigenen Kindern und Schülerinnen und Schülern wünsche,  mögen sie niemals solche Zeiten erleben, sondern auch eine späte Erfüllung von Annes Wunsch, eine ihrer Begabung entsprechende Schriftstellerin zu werden und nachfolgende Generationen zu berühren und zu beeinflussen.

Ich glaube, dass es nach der Lektüre von Anne Franks Tagebuch möglich ist, sich in Angesicht von Anne unerschütterlichem Lebensmut unserer Geschichte, der deutschen Geschichte, anzunehmen, auch dort, wo sie unerträglich ist, sie nicht zu verleugnen, sie weiter zum Gegenstand unserer Betrachtung zu machen. Sie nicht zu vergessen, die Menschen, die unter den Nationalsozialisten verfolgt wurden, nicht zu vergessen. Nicht zu wünschen, dass dieser Teil unserer Geschichte vergessen werde,  nicht zuletzt auch, weil das hieße, das diese Menschen in Vergessenheit gerieten. Ich möchte glauben, dass dies möglich ist.

Mehr Mut als der, zu unserer Geschichte zu stehen, aus ihr zu lernen, ist von uns, den nachfolgenden Generation, derzeit nicht verlangt. Mut, in unserer Zeit zu wirken, zum Beispiel Verfolgte anderer Regime aufzunehmen, und ihnen eine Möglichkeit zum Neuanfang zu bieten. Sie nicht zurück zu schicken in das Elend, dem sie zu entkommen versuchen.

Das ist sehr wenig im Vergleich zu dem Mut, den ein Mädchen in Todesgefahr aufbrachte, um ihr Leben in einem Versteck in einem Hinterhaus weiter zu leben. Etwas von Annes Mut und Liebe und ihrem unerschütterlichem Glauben daran, dass das Leben ein Geschenk ist, sollte es uns erlauben, die ganze Geschichte Deutschlands, unsere Geschichte, gegenwärtig zu halten, sie auszuhalten und weiterzugeben – und zwar zusammen mit der Hoffnung, dass wir immer die Wahl haben, zu sein, wer wir sein wollen.

Anne Frank, Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer – sie waren nicht nur Licht in ihrer eigenen, sondern ein Vermächtnis auch an unsere Zeit.

Annes Tagebuch ist ein Geschenk, keine Bürde. Es gehört in den Schulunterricht. Es gehört zum kulturellen Erbe unserer Kinder.