Recherche du temps perdu
Als K sich nach ihrem Lauf auf die Bank setzt, um ihre Schuhe wieder anzuziehen, sitzt dort die Vogelfrau. Zu ihren Füssen haben sich Tauben und graue Eichhörnchen versammelt, die sie mit kleinen glucksenden Lauten aus einer spitzen, braunen Papiertüte mit Vogelsaat füttert.
Es bedarf nur eines Grußes, einer freundlichen Frage, How are you today, Madame?, und die alte Dame, die selbst wie ein Vogel aussieht, lehnt sich weit in ihre Vergangenheit, erzählt aus ihren Tagen als Gouvernante für den Nachwuchs einer Botschafterfamilie in der Upper East Side, rezitiert beliebige Passagen aus Proust auf Französisch wie Stellen aus einer heiligen Schrift. Sie kann sich nie an K erinnern. Ihre Geschichte ist bereits vollendet, neuen Gestalten bleibt der Eintritt verwehrt. In der Gegenwart der Vogelfrau gibt nur noch die Vögel und die Eichhörnchen. Aber aus der Vergangenheit erzählt sie mit feiner Dramatik und lebendigem Vokabular. Während sie aus der „Recherche du temps perdu“ rezitiert, scheint es, als lese sie fortwährend aus einem der Bände des Werkes, um an beliebiger Stelle eine Passage in flüssigem, eleganten Französisch mit einem Zuhörer zu teilen.
Heute steckt die kleine Dame zum Schutz gegen die Kälte tief in einem dicken, lammfellgefütterten Ledermantel, einem Ungetüm von Tierhaut, aus dem ihre dünnen Beine in Wollstrümpfen wie zwei Stöcke hervortreten. Wären da nicht die schweren Stiefel, die sie fest auf dem Boden verankern, würde das Gewicht des Mantels es ihr wahrscheinlich unmöglich machen, sich wieder von der Bank zu erheben. Ihr langer, selbstgestrickter Schal aus feinen, fusseligen Garnen organisiert sich zu einer Doppelhelix handgearbeiteter Erinnerungen. Ihre kindliche Pudelmütze indes ist wie ein einfaches Symbol für die Zeit, die vergeht, ohne dass man es je recht begreifen kann.
Ein jeder Mensch ein tiefer See flüssiger Zeit. Bei den meisten Menschen ist die Oberfläche durch die Gegenwart und das Ich getrübt, die endlose Geschäftigkeit. Aber bei der Vogelfrau liegt das Wasser jetzt klar und ruhig, und alles, was geschehen ist, und alles was ist, und alles, was geschehen werden wird, ist sichtbar. Für einen Augenblick überlegt K, dass die Vogelfrau unter ihrem schweren Mantel wohl einen Glaskörper verbirgt.
Heute lächelt sie der Vogelfrau nur freundlich zu und verabschiedet sich mit einem einfachen „Good bye, Madame. Have a lovely day!“, sobald ihre Schuhe gebunden sind. Es ist zu kalt zu bleiben, sie kann bereits spüren, wie der Schweiß auf ihrem Rücken eisig wird. Als K sich zum Gehen anschickt, antwortet ihr die kleine Dame – wie jeden Tag –mit einer Passage aus Proust. „J’implorais mes parents, qui, depuis la visite du médecin, ne voulaient plus me permettre d’aller à Phèdre. Je me récitais sans cesse la tirade: On dit qu’un prompt départ vous éloigne de nous … – au revoir, Mademoiselle.”